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Assassin's Creed 2

Assassin's Creed 2

Assassin's Creed 2 spielt mit der Zeit: Desmond Miles ist Ezio Auditore da Firenze. Irgendwie zumindest. Desmond muss in seine eigene Vergangenheit reisen, um als Assassine die Templer zu bekämpfen. Das denkt er zumindest.

"Machen Sie einen Kopfstand im Becken
Der Einzige, der lebt, bin ich
Ihr alle seid tot!"
Toilettenkritzelei im Buch Ubik von Philip K. Dick

Desmond Miles hat wirklich ein Realitätenproblem. Nach über vier Jahren im Körper von Ezio Auditore da Firenze muss er aus dem Animus 2.0 raus, um dem Sicker-Effekt zu entkommen. Keine Ahnung, wie lange er da grad drin war: zehn Minuten, drei Tage? Er sieht jedenfalls überall Szenen aus dem Mittelalter, obwohl er sich doch eigentlich im 21. Jahrhundert befindet. In einem Fabrikkomplex, nachdem er mit Dr. Lucy Stillmann aus dem Laborgefängnis von Abstergo Industries geflohen ist.

Dort, so glaubt Desmond, waren und sind die Templer am Werk die Weltherrschaft an sich zu reißen. Und nur er kann das verhindern, indem er als Assassine in seine eigene Vergangenheit reist, um im Italien des 13. Jahrhunderts jene Templer zu bekämpfen, die damals seine Familie ausradieren wollen. Komplexe Story, da kann man schon mal den Überblick verlieren zwischen den Pazzi, den Barbarigio, dem Herren Borgia und seiner Gefolgschaft. Wer weiß schon, ob Onkel Mario Auditore es immer gut meint und aus welchen Motiven? Ob La Volpe ein Guter ist. Und ob der oberflächlich freundliche venezianische Herr der Diebe nicht auch unsere Taschen leeren will?

Und in der Tat verliert man als Spieler schnell den Überblick, welche Fraktion im Detail welche Ziele verfolgt. Wer aber genau an jenen Details interessiert ist, findet mit Assassin's Creed 2 ein Spiel vor, dass diese Details erzählen kann, aber nicht muss. Nicht nur aber auch über die zahllosen Nebenmissionen, die die rund 20-stündige Hauptkampagne locker ums Doppelte verlängert. Ezio kann Schatzsucher werden und Florin einsammeln, um seine eigene Villa in Monteriggioni auszubauen und die Stadt gleich mit.

Geld gibt es auch für Rennen, Schlägereien, Kurierdienste, Auftrags-Attentate oder das sehr lukrative Abfangen von Borgia-Kurieren. Wer wirklich alle Hintergründe wissen will, liest einfach noch Briefe der Kuriertätigkeiten. Insgesamt hat das Spiel eine imposante Geschichte und Hintergrundgeschichte, die das gesamte Universum von Assassin's Creed 2 zu einer der umfassendsten und in sich konsistenten Erzählungen macht, die je in einem Videospiel erzählt wurden. Und mindestens ein dritter Teil ist bei dem Ende des Spiels unvermeidlich!

Um das Spiel zu beenden und mit Ezio synchron zu werden, muss Desmond neben der Hauptgeschichte auch die sechs Siegel aus den versteckten Assassinengräbern finden, um im Altarraum der Assassine die Rüstung von Altair zu erhalten. Die Missionen in den Assassinengräbern sind 3D-Plattformer der Extraklasse, eine willkommene Konzentrationsaufgabe und wirklich schöne, kleine Herausforderungen. Bonus: Sie verlagern das Spielgeschehen komplett nach drinnen. In den Dom von Florenz zum Beispiel, oder in den toskanischen Torre Grossa, einen Turm, den wir innen herauf klettern müssen. Diese Sequenzen sind teilweise lang und schwer, weil diverse Abstürze und Neuanfänge vorporgrammiert sind, sie machen aber echt Spaß.

Die Hauptgeschichte widmet sich derweil stringent dem epischen Kampf zwischen den Templern und den Assassinen. Einigermaßen klar ist, dass die Templer wenig Gutes im Sinn haben. Immerhin radieren sie anfangs hinterlistig einen Teil von Ezios Familie aus, um die Macht in Florenz an sich zu reißen und die dort regierenden Medici zu stürzen. Ezio sieht sich in der Pflicht, dem ehemaligen Herren seines Vaters zu helfen. Angenehmer Nebeneffekt: So werden gleich die vielen Leichen gerechtfertigt, die Ezio in den kommenden Spieljahren auf seinem Rachefeldzug produziert. An dessen Ende wartet ein biblischer Showdown um eine mysteriöse Gruft, zwei Edensplitter und die Macht im Universum. Da kippt die Geschichte von Assassin's Creed 2 von einem mittelalterlichen Abenteuer endgültig zu schräger Science Fiction. Es passt aber, weil genau dieses komische Sci-Fi-Gefühl bereits seit dem Start unterschwellig präsent ist. Ezio als Desmond, der immer wieder zu tief in die Welt des Animus abgleitet, während man selbst nach langen Stunden mit Assassin's Creed 2 nicht so ohne weiteres in die reale Realität zurück will.

Stellt sich der Jung-Assassine anfangs noch etwas tolpatschig beim Kämpfen an, eröffnet die Begegnung mit Leonardo da Vinci ihm und uns neue Möglichkeiten. Der schlaue Gelehrte kann nämlich die in Florenz, Monterigionni, Romagna, Rom, der Toskana und in Venedig verteilten Kodexseiten entziffern. Mit Hilfe einer solchen Seite baut er eine tödliche Klinge, mit der Ezio zum effektiven Attentäter wird. Es gibt Kodexseiten, die eine Doppelklinge daraus machen und sie mit einer Giftoption versehen, so dass Ezio nach und nach zu einem immer perfideren und lautloseren Todbringer wird.

Leise klettert er die Häuserwände hoch und fliegt in wunderschönen, lebensechten Animationen todbringend auf die Gegner zu. Die Attentate sind die optisch intensivsten Momente im Spiel - geplant, blutig, brutal, böse. Wer indes zu viele Zivilisten tötet (absichtlich oder aus Versehen) wird desynchronisiert, aus dem Animus geschmissen und muss eine laufende Mission neu beginnen. Kommt aber tatsächlich kaum vor, lediglich die immer nervig vor einem herumtanzenden Barden sterben häufig, weil sie, nun ja, immer nervig im Weg stehen. Und es einfach nicht weitererzählen, dass das keine gute Überlebensstrategie ist.

Besonders gelungen bei Assassin's Creed 2 sind zwei Aspekte: die Geschwindigkeit der erzählten Geschichte und die Fortbewegung im Spiel selbst. Das Tempo der Geschichte ist perfekt. Sie wird erzählt, ohne dass es auch nur eine einzige Sekunden langweilig wird oder man den Eindruck hätte, in einer der doch teilweise sehr verwinkelten und großen Städte zu lange orientierungslos oder ohne Aufgabe umherzurennen. Die Mini-Karte und auch ihre große Schwester funktionieren perfekt, das ist beileibe nicht immer so bei guten Games.

Die Missionen sind variantenreich und wechseln sich in der Hauptgeschichte angenehm ab: Attentate, Diebstähle, Geheimaufträge ohne entdeckt werden zu dürfen, Rennen über die Dächer der Stadt, Schlägereien, Klettercontests. Nebenbei wird das in den Missionen erspielte Geld in bessere Rüstungen und Waffen investiert, oder man kauft Kunst und steigert so den Wert von Monteriggioni. In der heimischen Villa steht übrigens eine Kiste, in die alle 20 Minuten Echtspielzeit der Wert der Stadt hineinrasselt. Eine willkommene Geldquelle, für deren Erschließung allerdings jedes Mal eine Reise nach Monteriggioni fällig ist.

Zum Glück gibt es in jeder Stadt Schnellreisestationen, so dass das überhaupt kein Problem ist. Schnell eine Kutschfahrt für 100 Florin gebucht - und ab nach Hause. Wer will, kann auch das Pferd nehmen, es spielt aber tatsächlich eine weitgehend untergeordnete Rolle in der Hautptgeschichte. Nur wer ezwas alle 100 Feder sucht und alle Schatztruhen, der kommt um reiten nicht herum. In der Villa haust zudem ein schlauer Architekt, der die Stadt mit unserem Geld aufpolieren will. Wir dürfen Bordelle bauen, Minen, Kirchen, Kasernen, Brunnen und der Diebesgilde ein neues Zuhause geben. Als Dank gibt's Rabatt beim Schmied, beim Schneider und beim Kunsthändler - nur der Arzt behaart stets auf seinem hohen Honorar. Sim City für die Gürteltasche sozusagen.

Assassin's Creed 2 spielt sich insgesamt viel lüssiger als der Vorgänger. Langeweile kommt nie, wirklich nie auf. Dazu gibt es einfach viel zu viel zu tun, allerdings ohne das das nervig wird. Ein bisschen spielt sich Assassin's Creed 2 wie Grand Theft Auto IV im Mittelalter. Schön auch, wie die Welt aktiv auf unser Tun reagiert. Die Städter zum Beispiel quittieren unschöne Handlungen mit bissigen Kommentaren. Wenn wir ihnen Geld hinschmeißen, rennen sie wild durcheinander und verwirren die Wachen, die dann ebenso dem Geldrausch verfallen. Ezio schlüpft derweil unbemerkt vorbei.

Immer wieder kommt man auf dem Weg zu einer Mission an einem Ort vorbei, wo eine Glyphe versteckt ist. Hinter den zwanzig über die Städte verteilten, mittelalterlichen Graffiti verstecken sich Rätsel. Wer sie alle löst, schaltet ein Video frei, dass die im Animus aufgezeichneten Erinnerungen von Subjekt 16 zeigt, unserem Vorgänger-Assassinen, der leider durchgedreht ist. Sicker-Effekt und so, vermutlich. Die Glyphen sind ein tolles Extra, aber schwierig zu entschlüsseln, zumindest einige. Einmal gefunden, können die Glyphen zum Glück über das Wahrheits-Menü immer wieder direkt angewählt werden, ohne nochmal dorthin klettern zu müssen. Die Rätsel sind abwechslungsreich und lehrreich. Edensplitter müssen gesammelt werden, mal versteckt in historischen Fotografien oder Gemälden, mal über bisweilen komplexe Schieberätsel zu entdecken.

Wie eben erwähnt, ist die Fortbewegung in Assassin's Creed 2 absolut top: Free-Running in Perfektion auf den Dächern Italiens. In der ersten Hälfte des Spiels wird das Klettern,Springen udn Hangeln zu einer absolut natürlichen Herangehensweise ans Erkunden der Spielwelt, so dass es schon fast unheimlich ist. Wer zu tief springt, kann im Flug versuchen, einen Vorsprung zu greifen und sich noch zu retten, da gibt's immer wieder echte Cliffhangermomente. Warum man nach knapp acht Stunden in Venedig noch eine neue Klettertechnik erlernt, ist das Einzige, was sich nicht richtig erschließt. Die neue Technik bremst das Spiel eher aus als die Kletterei zu beschleunigen.

Ezio kann nun zwar per Knopfdruck beim Klettern hochspringen und nachgreifen, um höher gelegene Bereiche zu erreichen. Aber das bringt keine Vorteile, weder im Gameplay noch der Geschichte noch sonst irgendwie. Hoch hinaus ging es auch vorher schon. Etwa beim jenem Attentat, wo es einem Pazzi-Schergen oben auf den toskanischen Türmen von San Gimignano erwischen soll. Das erste Mal erzeugt ein Videospiel aktiv so etwas wie Höhenangst, als Ezio zwischen zwei Türmen über ein straff gespanntes Seil läuft und fast runterfällt. Bitte nicht! Die Vorbereitung des Attentats war doch so minutiös geplant.

Im Saldo bleiben einige Sachen stehen, zum Beispiel die teilweise wirklich schwachen Gesichts- und Körperdarstellungen in den Zwischensequenzen. Das wirkt sehr blockhaft und nicht glattgebügelt, fast schon Last-Generation-like manchmal. Schlimm ist auch die permanent fehlende Lippensynchronität der deutschen Version, die das sonst so ergreifende Spielerlebnis leider schmälert. Die Sprecher sind toll, die Synchronisation selbst auch, warum dann auf das dritte Detail keinen Wert gelegt wird, ist wirklich mehr als unverständlich.

Assassin's Creed 2 ist übrigens das erste Spiel, das Ubisofts neuen Service Uplay integriert und nutzt, vorerst im Rahmen einer Betaphase. Uplay orientiert sich an Achievements (Xbox Live) oder Trophäen (Playstation Network). So können bei Uplay durch Erfolge im Spiel Units freigespielt werden, die dann dort gegen exklusive Inhalte eintauschbar sind, etwa ein Altair-Kostüm oder Zugang zur Familiengruft der Auditore. Die erspielten Units können aber auch gespart werden und in anderen, kommenden Ubisoft-Games ausgegegeben werden. Uplay enthält auch einen Shop, indem per Mircopayment zusätzliche Inhalte für Ubisoft-Spiele gekauft werden können. Letzteres ist faktisch eine Kampfansage im Sektor der digitalen Distribution von Zusatzinhalten, die bisher exklusiv über die Systeme der Konsolenhersteller lief. Ubisoft nimmt hier als erster Publisher das Heft selbst in die Hand.

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09 Gamereactor Deutschland
9 / 10
+
Free-Running auf den Dächern, tolle Geschichte, viele Extras, abwechselungsreiche Missionen, Doppelklingenattentate
-
Teils schlechte Gesichts- und Körperdarstellung, fehlende Lippensynchronität
overall score
ist die Durchschnittswertung von Gamereactor. Wie hoch ist eure Wertung? Die Durchschnittwertung aller Gamereactor-Redaktionen wird aus den Wertungen in allen Ländern erhoben, in denen es lokalen Gamereactor-Redaktionen gibt

Leserkritiken

  • draphix
    Nach dem eher schlechten Start der Serie war man umso gespannter, ob die Entwickler aus ihren Fehlern gelernt hatten oder nicht, und eins sei zu... 10/10

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