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Battlefield 1

Battlefield 1

Wir haben bei DICE bereits die Kampagne und eine ganze Weile Multiplayer gezockt und trauen uns mit einer Wertung zum Battlefield im Ersten Weltkrieg aus der Deckung.

  • Oliver Thulin
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Der Zeitpunkt für den nächsten Teil ihrer unglaublich erfolgreichen Multiplayer-Kriegsserie hätte für Dice nicht besser passen können. In ihrem Büro in Stockholm erzählten sie mir, dass die Idee für das, was Battlefield 1 werden würde, ungefähr 2008 entstanden ist. Damals arbeiteten sie gerade an Battlefield: Bad Company, was mir wie eine Ewigkeit her vorkommt. Ich war damals noch ein Teenager und es ist wohl nicht übertrieben zu sagen, dass seither viel passiert ist. Moderne Kriegsführung wurde das neue Schwarz, als Call of Duty 4 ein Jahr zuvor erschien - und mit den drei Battlefield-Teilen, die diesem Muster folgten und zahlreichen Wettbewerbern wie Medal of Honor und Homefront übersättigte sich der Markt. Es wurde langsam schwer, die Spiele noch zu unterscheiden.



Die Lösung, das schwindende Interesse zu bekämpfen, war die Verlagerung in die Zukunft. Spiele wie Titanfall machten erfolgreiche Ausflüge in die Science Fiction der Multiplayer-Shooter und Giganten wie Call of Duty taten es ihm gleich. Plötzlich waren Jetpacks, Partikel-Laser und große Bewegungsfreiheit der heiße Scheiß. Aber jetzt wiederholt sich die Geschichte und die Massen drehen den Kriegen der Zukunft den Rücken zu. Sie suchen wieder nach einer puristischeren Spielerfahrung. Die überwältigenden Reaktionen auf den Enthüllungstrailer von Battlefield 1 waren ein deutliches Zeichen, dass Dice auf dem richtigen Weg war. Der Erste Weltkrieg ist der perfekte Hintergrund für Battlefield, dem kann ich nur zustimmen. Ich liebe die Serie seit dem Original, hatte aber das Gefühl, das Battlefield 4 mit den Vorgängern nicht mithalten konnte. Ganz besonders darum, weil es nur wie eine Weiterentwicklung von Battlefield 3 wirkte, obwohl ich natürlich nicht wirklich glaube, so ein Spiel wäre einfach zu entwickeln.

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Die Waffen gehören zu den besten, die ich je in der virtuellen Realität abfeuern durfte.





Die Tatsache, dass Dice die Uhr fast ein ganzes Jahrhundert zurückgedreht hat, fühl sich großartig an. Alles fühlt sich herrlich analog an und was mir immer wieder beim Multiplayer durch den Kopf geschossen ist: Das fühlt sich wie ein "Best of Battlefield" an. Man findet Elemente aus nahezu jedem Battlefield-Teil und sie fühlen sich besser den je an.



Die Waffen gehören zu den besten, die ich je in der virtuellen Realität abfeuern durfte. Die Modelle sind liebevoll reproduziert worden und ich bin oft bei den semi-automatischen Gewehren geblieben, einfach weil ich die Nachlade-Animation so gelungen finde. Das mich genau diese Animation oft das Leben gekostet hat, spielt keine Rolle. Der Rückschlag ist überzeugend und insgesamt hat man das Gefühl, die Waffen brauchen mehr Geschick, um sie richtig einzusetzen. Was das Gefühl von „primitiven" Waffen nur noch verstärkt. Die Waffenaufsätze wurden auf ein Minimum reduziert, statt das Spiel mit Dutzenden unterschiedlichen Visieren, Schalldämpfern und Granatwerfern zu überschwemmen, die nur die Balance ruinieren würden. Es gibt eine Handvoll optische Aufsätze, Bayonette und ein paar Skins - aber erwartet keine Neonknarren. Der endlich reduzierte zusätzliche Schrott ist genau das, was ich mir seit Jahren wünsche.



Der Sound ist unfassbar gut gemacht, was niemanden wundern dürfte, der sich mit der Arbeit von Dice beschäftigt hat - ihr Sounddesign lässt die Arbeit anderer Entwickler fast armselig wirken. Die Akustik, die Motoren und die unterschiedlichen Waffen klingen fantastisch. Besonders, wenn die mächtige Anti-Aircraft I zwischen den Felsen von Montegrappa gegen feindliche Flugzeuge zum Einsatz kommt. Wer Battlefield 1 nicht mit guten Kopfhören oder Lautsprechern spielt, tut sich keinen Gefallen.

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Sogar der Spawn-Bildschirm ist gut konstruiert und zeigt jetzt eine 3D-Rekonstruktion des Schlachtfelds und nicht nur eine statische Karte.



Auch das User-Interface wurde verbessert, sieht jetzt schöner und klarer aus und ist nutzerfreundlicher als früher. Mir gefällt besonders, das man jetzt eroberte Flaggen auf der Mini-Karte sehen kann und so besser erkennt, wo man steht und seinen Gegenangriff planen kann, ohne sich zu weit von seinem ursprünglichen Angriffsziel zu entfernen. Sogar der Spawn-Bildschirm ist gut konstruiert und zeigt jetzt eine 3D-Rekonstruktion des Schlachtfelds und nicht nur eine statische Karte. Man erkennt sofort die Richtungen und interessanten Punkte auf der Karte, wenn man sich ins Geschehen stürzt. Die Trefferanzeigen zeigen deutlich, was vor sich geht - kleine Marker bedeuten wenig Schaden und tiefes Rot signalisiert einen tödlichen Treffer.



Bei Battlefield 4 hatte ich das Gefühl, dass Dice Schwierigkeiten hatte, Karten zu entwicklen, die gleichermaßen gut in allen Modi funktionieren. Und es gibt schliesslich einige Modi. Natürlich gibt es Karten, die in bestimmten Modi mehr Spaß machen. Argonne Forest wurde schnell mein Favorit in Domination, während sich Montegrappa in Eroberung besser anfühlte als bei Rush. Aber es gibt keinen Modus, der in Rush ein chaotisches Disaster, aber im Team Deathmatch perfekt ist.



Ich mag die Karten von Battlefield 1 allesamt wirklich sehr, aber zwei sind mir besonders aufgefallen. Die Erste heisst Amiens, eine urbane Karte in einer französischen Stadt mit dem gleichen Namen. Sie erinnert mich an Seine Crossing, mit vielen kleinen, engen Strassen und einer schmalen Brücke. Hier hat man wirklich das Gefühl, dass zwischen den einstürzenden Gebäuden ein Krieg tobt. Die andere heisst Argonne Forest und sie hat den hübschesten Wald, den ich seit Endor in Star Wars Battlefront gesehen habe.

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Die Grafik ist wie erwartet großartig. Die Frostbite-Engine liefert ab.





Beeindruckenderweise sind alle Probleme, die ich mit der Beta hatte, im finalen Produkt verschwunden. Bugs wie das Einfrieren für über eine Minute, wenn man ins Pause-Menü wollte und auch die Medic- und Support-Klasse sind wesentlich effektiver gemacht worden. Die Sanitäter können jetzt viel leichter sehen, wenn ein Teammitglied wiederbelebt werden muss, weil über den Körpern ein Icon schwebt. Die Support-Klasse hat jetzt einen Schraubenschlüssel, um Fahrzeuge zu reparieren und ist eine großartige Klasse, um in Gruppen mit Fahrzeugen unterwegs zu sein. Das Fliegen macht in Battlefield 1 ohnehin mehr Spaß als je zuvor, auch dank der Ära des Spiels. Anfang des 19. Jahrhunderts gab es noch keine hitzesuchenden Raketen und man kann im Spiel tatsächlich etwas als Pilot leisten und ist nicht nach zehn Sekunden tot. Jetzt braucht es feste Abwehrstellungen oder andere Flugzeuge, dadurch sind die Dogfights so viel schöner geworden.



Klassische Modi wie Conquest, Rush, Domination und Team Deathmatch sind wieder dabei und besonders die ersten beiden sind so gut wie immer. Im Gegensatz zur Beta zählen die Kills jetzt bei den Punkten und dadurch kann man unabhängig vom Spielertyp dem Team beim Sieg helfen. In Rush werden jetzt zufällige Radiostationen platziert, die das angreifende Team zerstören muss. Sie sind also nicht mehr immer an genau der gleichen Position, aber natürlich stets in etwa in der gleichen Gegend.



Unter den neuen Modi ist das verrückte War Pigeons, das auf dem Fakt basiert, dass die Soldaten sich im Ersten Weltkrieg auf Brieftauben für die Kommunikation verlassen mussten. Es ist ein kleiner Modus, in dem eine Taube irgendwo auf der Karte spawnt, die beide Teams zu kontrollieren versuchen. Wenn eine Spieler sie aufnimmt, muss eine Nachricht geschrieben werden (ein Balken füllt sich), was im Stehen noch schneller geht. Das heißt, das eigene Team muss für ausreichende Verteidigung sorgen. Wenn die Nachricht geschrieben ist, wird die Taube freigelassen und die Gegner erhalten noch kurz Zeit, sie abzuschiessen oder die Runde ist verloren. Es ist ein hektischer Partymodus für nebenbei, aber der neue Operations-Modus dürfte viele Spieler anlocken. Der ist eine Mischung aus Rush und Eroberung, in dem ein Team angreift und eines verteidigen muss. Am Anfang gibt es eine erzählerische Zusammenfassung der kommenden Schlacht und was auf dem Spiel steht.

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Die Kampagne bietet eine gut inszenierte und schön erzählte Geschichte.





Wie in Rush müssen die Angreifer zwei Orte übernehmen, aber statt Radiostationen zu zerstören, sind es hier Fahnen, die kurz gehalten werden müssen, von wo aus es dann zur nächsten Phase geht. Das wollen die Verteidiger natürlich verhindern und sollte es ihnen gelingen, bekommen die Angreifer in der nächsten Runde Unterstützung in Form eines Behemoth. Diese Matches sind nicht nach einer Karte durch, sondern folgen der Geschichte auf die nächste Karte. Und wenn die Angreifer alle ihre Extra-Chancen schon auf der ersten Karte verbraucht haben, müssen sie die nächste ohne zu scheitern bestehen. Diese Spiele gehen natürlich länger als in den anderen Modi und das macht ihren Charme aus. Es fühlt sich wie eine echte Schlacht an, in der es wirklich um etwas geht.



Die Grafik ist wie erwartet großartig. Die Frostbite-Engine liefert ab. Ich liebe es, wie die Waffen von Schlamm übersät sind, wenn man durch die matschigen Gräben kriecht, die Schüsse über die Köpfe pfeifen und das Artilleriefeuer dafür sorgt, das man sich kaum traut, seinen Kopf rauszustrecken. Ich vergesse kurz, dass ich ein Spiel spiele und mache mir Sorgen, dass der Schlamm meine Waffe beeinträchtigen könnte. Und ich finde es wirklich beeindruckend, wie unglaublich großartig die wunderschöne Grafik - auf PC und Konsolen läuft - mit 60 FPS auf riesigen Schlachtfeldern mit 64 Spielern.



Die Wettereffekte sind nicht nur optisch beeindruckend, sondern zwingen die Spieler dazu, sich anzupassen und ihren Spielstil zu verändern. Beim Sandsturm auf der Wüstenkarte Sinai kann man nur noch wenige Meter weit sehen - ein Flugzeug zu fliegen oder mit einem Scharfschützengewehr auf der Lauer zu liegen, wird so nahezu unmöglich. Plötzlich wird man besonders vorsichtig und achtet noch stärker auf seine nähere Umgebung. Einen ähnlichen Effekt hat der dichte Nebel an der italienischen Küste auf der Empires Edge-Karte.

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Das Fliegen macht in Battlefield 1 ohnehin mehr Spaß als je zuvor, auch dank der Ära des Spiels.



Ich kann es kaum abwarten, bis das Spiel endlich offiziell erscheint und der Rest der Welt die Server bevölkert, denn Battlefield 1 hat einen brillanten Multiplayer. Aber es gibt auch eine Kampagne über die man sprechen muss und ich bin fast davon ausgegangen, dass Dice hier nicht wirklich abliefern kann. Ich hätte wirklich nicht gedacht, dass sie das Battlefield-Erlebnis auch im Einzelspieler umsetzen können und war dementsprechend überrascht, als ich die Kampagne zum ersten Mal gestartet habe und auf eine gut inszenierte und schön erzählte Geschichte gestoßen bin. Besser gesagt auf fünf Stories. Dice hat sich für einen etwas anderen Ansatz entschieden und folgt jetzt nicht mehr nur einem einzelnen Protagonisten, sondern fünf unterschiedlichen Menschen mit unterschiedlichen Persönlichkeiten und Hintergründen. Und ihre Geschichten haben mich wirklich berührt.



Natürlich zieht es sich manchmal und manche der Mehrspielerkarten werden recycelt, aber die Kampagne ist wirklich überraschend gut gemacht. Das erste Mal ist man Teil einer Geschichte, die uns Dice wirklich erzählen will, während man früher eher das Gefühl hatte, der Singleplayer wäre für sie einfach eine Notwendigkeit für gute Verkäufe. Die Kampagne sorgt für ein echtes Battlefield-Gefühl. Keine engen Korridore, stattdessen offene Schlachtfelder, auf denen man Fahnen übernimmt und frei in Panzern fahren darf. Auch Stealth-Freunde kommen auf ihre Kosten und markieren Feinde und interessante Positionen - ganz ähnlich wie in Crysis oder Metal Gear Solid V: The Phantom Pain.



Alles wurde mit dem nötigen Respekt erschaffen und keine Nation unbedingt als böse markiert, aber das Spiel führt deutlich vor, dass auch die feindlichen Truppen, die wir gerade niedermähen, echte Menschen sind. Man sieht Soldaten auf dem Schlachtfeld zusammenbrechen und nach ihrer Mutter schreien und das gibt einem ein Gefühl, das man in den anderen Battlefield-Spielen so nie hatte. Man lernt, was während des Krieges passiert ist und die Musik ist manchmal unglaublich schön. Es gibt kleinere Fehler wie Wrackteile von abgeschossenen Luftschiffen, die für immer in der Luft schweben und die ein oder andere merkwürdige Animation. Aber das spielt kaum eine Rolle. Ich war schon lange nicht mehr von einem Battlefield-Spiel so begeistert. Es ist genau das, was die Serie gebraucht hat.





09 Gamereactor Deutschland
9 / 10
+
brillante Waffen, bestes Sounddesign der Industrie, schönes User-Interface, bomastischer Soundtrack, erstaunlich gute Kampagne
-
Kampagnen-Missionen etwas zu lang, gelegentliches Recycling der Kampagne
overall score
ist die Durchschnittswertung von Gamereactor. Wie hoch ist eure Wertung? Die Durchschnittwertung aller Gamereactor-Redaktionen wird aus den Wertungen in allen Ländern erhoben, in denen es lokalen Gamereactor-Redaktionen gibt

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