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Borderlands

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Borderlands ist alles auf einmal - und am Ende ein richtig toller Action-RPG-Shooter. Wir sind zu zweit, dritt und viert über den Planeten Pandora gestreift, auf der Suche nach Items und dem Schlüssel zur Kammer.

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Hmm. Hmmmmm. Hmmmmmmmm... welche der Waffen soll ich nun behalten? Das GGN450 Incendiary Sniper von Maliwan, die SG150 Desert Shotgun von Dahl oder das TCH24.2 Glorious Machine Gun von S&S Munitions? Eine muss weg, denn in der roten Kiste vor mir liegt schon wieder neuer Stuff. Level 18 steht nach knapp zehn Stunden Spielzeit im Reisepass meines Soldaten Roland für den Planeten Pandora. Die Taschen sind vollgepackt mit Zeug, einiges schon für Level 25. Genau 18 Gegenstände passen derzeit in den Rucksack, zum Glück gab's neulich zwei kleine Speicherdeck-Upgrades, als Dank für die Reparatur zweier kleiner Claptrap-Roboter.

18 Gegenstände. Nur 18! Am Anfang gar nur zwölf. Und das, wo doch an jeder Ecke Zeug liegt: eine neue, interessante Waffe, eine bessere Rüstung oder ein lila schimmernder, unglaublicher Class-Mod, der automatisch Munition oder Lebensenergie erneuert und gleichzeitig die Schussrate der Knarre verdoppelt. Dazu kommen die Onlinefreunde höherer Level, die einem das für sie alte Zeug vor die Füße werfen. Oh je... ich will ja keinen Überseecontainer auf dem Rücken, aber ich hätte gerne einen irgendwo auf Pandora. Mit einem dicken Schloss davor und einem Schild dran: Pis off.

Verpissen kann sich übrigens auch die Post. Die ist nämlich Schuld, dass ich hier noch alleine herumstiefeln muss. Alleine ohne Ingo, meinen virtuellen Sandkastenfreund, mit dem ich zu viel Geld für Telefonkosten und Hunderte Stunden Lebenszeit in Phantasy Star Online versenkt habe. Borderlands verspricht, das einmalige Gefühl von damals neu zu entfachen. Und jetzt liegt sein Borderlands in irgendeinem Postverteilzentrum. Mist. Verdammte Post.

Einziger Vorteil der Sache: die Chance, vorweg hochzuleveln. Ingo ist ohnehin im Nullkommanix besser. Berufsspieler gegen Freizeitspieler - da hab' ich keine Chance. Trotzdem will ich im Moment nur eins: Borderlands, Borderlands, Borderlands. Morgens, mittags, abends und nachts. Der Action-RPG-Shooter ist so verdammt faszinierend wegen seiner Kombination aus gutem Humor, sehr stylischer Grafik und dem Wecken von Sammelleidenschaft. Dazu gesellen sich eine gute Portion Wiederholung und jede Menge Haupt- und Nebenmissionen. Perfekt: Jede Höhle, jedes Areal kann immer wieder besucht werden, um Erfahrungspunkte zu sammeln oder Items zu jagen.

Items sind die Seele von Borderlands. Weiß, grün, blau, lila, gelb, orange - das sind die Farben der Gegenstände im Menü und damit die Indikatoren für den Wert einer Sache, von gewöhnlich bis ultra-selten. Wobei die seltenen Items nicht immer die besten sind. Ihr Nutzen ist in hohem Maße davon abhängig, was jemand selbst gut findet. Wäre da nur nicht diese künstliche Platzverknappung. Einzig irgendwie guter Punkt daran: Niemand hortet Items in rauen Mengen für Freunde mit niedrigem Level. Die können sowieso nichts damit anfangen, kein Platz im Rucksack.

Beim Online-Koop geht sofort der Kampf um die besten Items los. Als ob das Einsammeln nicht schon hektisch genug wäre. Ein bisschen wird das Streitpotenzial minimiert dadurch, dass es relativ viel interessante Sachen gibt - für jeden Spielstil ist immer was dabei. Schrotflinten, Sniper- und Sturmgewehre, Revolver und automatische Pistolen, Raketenwerfer, Alienknarren... und das alles kombiniert mit Feuerschaden, Explosions-Addons, Strom oder Säure. Momentan kosten die teuersten Waffen so um die 30.000 Dollar. Der Counter ist allerdings siebenstellig! Geld ist übrigens anfangs ein ständiges Problem. Wer stirbt wird wiederbelebt zu horrenden Kosten. Das kann schnell ein Zehntel der gesamten Kohle sein. Wer für einen Missionsendgegner mehrere Versuche benötigt, spielt sich so schnell an den Rand des Ruins.

Richtig doof sind die Steuerung der raketengetriebenen Mad Max-Buggys und ihr Fahrverhalten. Beides sehr, sehr gewöhnungsbedürftig. Auch die Kollisionsabfrage des Wagens mit der Spielumgebung ist unglaublich ungnädig. Ständig bleibt man irgendwo hängen, Pflanzen knicken nicht um, alles ist extrem stabil. Das nervt arg. Ohne Wagen geht es aber auch nicht, denn die Wege sind lang und es ist wenig los, insbesondere am Anfang. Dafür ist jeder Kampf in den Missionen eine Herausforderung. Ein sich ewig wiederholender Kampf um Leben und Tod. Hoffentlich bald mit Unterstützung von alten Freunden. Ingo, dein Turn. Du bist dran...

Na toll, als würde die klassische Level-Dynamik des Monstertötens, um hochzuleveln, um bessere Waffen von noch fieseren Monstern zu bekommen nicht schon genug Druck und Unruhe verbreiten - jetzt hat Christian auch schon fast 20 Level Vorsprung. Dankbarerweise gleicht sich der Unterschied, vor allem beim Spielen im Koop, relativ schnell wieder aus. Man muss es nur schaffen einzusehen, dass Borderlands wirklich nicht von der Story lebt und niemand etwas verpasst, wenn irgendwo in einer höheren Levelebene ein paar Missionen mitgespielt werden.

Das ist ganz ähnlich wie bei Phantasy Star Online, zumindest der RPG-Anteil ist fast identisch und auch die Art, wie die Story gehandhabt wird. Der große Unterschied zum legendären PSO besteht nur darin, dass Borderlands tatsächlich richtig Spaß macht und es nicht nur vier unterschiedliche Level gibt, die ewig aufs Neue gespielt werden. Zwei mal Durchspielen braucht's aber bei Borderlands auch, um die derzeitige Levelhöchstgrenze von 50 zu erreichen. Aber keine Angst, wer mit dem ersten Durchgang fertig ist, der will gleich nochmal. Dann erst fallen nämlich die richtig guten Items aus den Gegnern oder liegen in den roten Kisten - und der Schwierigkeitsgrad zieht perfekt mit an. Das einzige Problem, wenn Charaktere unterschiedlicher Level miteinander spielen, besteht darin, dass der Spieler mit dem niedrigen Level kaum Waffen findet, die gleich benutzt werden können.

Freundliche Spieler heben für schlechter ausgestattete Freunde gleicher (und anderer) Klassen natürlich extra Zeug auf, das sich im Spiel bewährt hat, aber mittlerweile ausrangiert ist. Hab' ich mich also mit einem Freund online in seinem Spiel getroffen und ihm das Zeug hingeworfen. Danach sollte es in meinem Durchgang bei Level 35 weitergehen, weil niedrige Charaktere dadurch ja deutlich schneller leveln. Die automatische Save-Funktion mit Checkpoints in Borderlands funktioniert leider so gut, dass man sich übers Thema Datensicherheit schnell keine Gedanken mehr macht. Der Freund nahm nämlich die Einladung zum Spiel direkt an, und schon war's passiert: alle Waffen, Rüstungen und Class-Mods weg, weil er natürlich nicht mehr an einem Checkpoint vorbeigekommen ist und das Spiel auch nicht regulär verlassen hat. Mit dem Einloggen in Xbox Live und den Annehmen von Spieleinladungen muss in Borderlands also wirklich ein bisschen aufgepasst werden. Das ist zwar alles ganz gut gelöst, aber eben doch nicht idiotensicher.

Das Schönste an Borderlands aber ist, dass der Egoshooter-Aspekt im Rahmen eines Rollenspiels wirklich absolut gelungen ist. Nicht so ein halbherziger Kram wie bei Mass Effect oder Fallout 3, sondern eher wie bei Timesplitters, das wirklich ein Shooter war, der eine solide Spielmechanik hinter einem Comiclook versteckte. Was Borderlands endgültig zu einem kleinen Meisterwerk macht, ist dann aber die reibungslose Funktion des Hybriden aus Rollenspiel und Egoshooter. Auch die vielzitierten Bazillionen zufallsgenerierter Waffen machen wirklich Sinn. Ständig findet sich interessantes Zeug, was dazu führt, dass man völlig unabhängig von der gewählten Spielerklasse jene Waffen nimmt, die gerade Bock machen.

Das eigentlich Verblüffende bei den Waffen ist, dass es nicht nur um möglichst hohe Werte beim Schaden geht, sondern es wirklich absolut vom persönlichen Geschmack und Spielertyp abhängig ist, was letztendlich benutzt und was verkauft wird. Das können die Magazingröße, der Zoom oder eine der zig anderen Komponenten sein, die dafür sorgen, dass für eine Weile eine bestimmte Knarre bevorzugt wird. Ich kann mich beispielsweise immer noch nicht von meinem schneeweißen Level-19-Sniper mit dem neun Kugeln fassenden Magazin trennen, obwohl ich nominell deutlich bessere Level-35-Gewehre im Gepäck habe, die aber am Ende weniger meiner Spielweise entsprechen.

Borderlands ist am Ende wirklich großes Kino und es gibt wirklich nur Kleinigkeiten zu bemängeln, wie die etwas seltsame Steuerung des Fahrzeugs, die leicht unübersichtliche Karte oder kleine grafische Probleme zum Beispiel mit dem Wasser. All das ist aber nebensächlich, weil das Spiel wirklich einfach richtig Spaß macht - alleine, aber vor allem gemeinsam mit seinen Freunden. Oder, Christian?

Tja, was soll ich da noch sagen? Klar, Borderlands macht unglaublich viel Spaß. Es macht süchtig und raubt den Schlaf. Aber es gibt auch Schattenseiten. Der immer währende Streit um die besten Items zum Beispiel nervt. Permanent bleibt trotz des Überangebotes die Angst, dass man irgendwie leer ausgeht. Besonders dann, wenn Spieler sich besser auskennen und immer wieder das beste Zeug aus den roten Kisten einsammeln, bevor man selbst begriffen hat, wo die überhaupt liegen. Ursprünglich hatte Gearbox ja geplant, einen echten Duellmodus zur Klärung solcher Streitigkeiten einzubauen. Den gibt es immer noch, aber es vorher müssen beide Parteien einwilligen (indem sie sich gegenseitig eine Backpfeife geben), damit das Duell über eine strittige Waffe begonnen werden kann. Kurze Frage: Warum sollte der ehrliche oder unehrliche Finder in so ein Duell einwilligen?

Toll gelöst ist dagegen, dass Mitspieler wiederbelebt werden können - das fördert den Teamgeist vor allem in höheren Level (ernsthaft!) und hilft dem Spielfluss enorm. Gestern noch mit Ingo so eine wandelnde Flugvogel-Fabrik namens Rakk-Hive als Endgegner erlegt. Er Level 46, ich Level 32. Während des knapp 30-minütigen Kampfes starb ich alle 50 Sekunden, wurde aber sicherlich in 90 Prozent aller Fälle erfolgreich wiederbelebt. Klingt albern, war aber ein grandioser Kampf und hat für eine tolle Stimmung gesorgt. Die war allerdings vorher schon super, was nicht unwesentlich an dem neuen Scharfschützengewehr lag, dass zum Spielstart vor meinen Füßen lag. Level 32, orange, selten, vierfacher zusätzlicher Feuerschaden und reichlich Wumms. Das Leben kann so schön sein.

Rainald Goetz, ein Popliterat der ersten Stunde, findet, dass dem Sich-nicht-Weiterentwickeln etwas Königliches innewohnt. Da hat er recht, ohne es zu wissen auch im Fall von Borderlands. Denn das scheint endlich das bessere PSO der nächsten Generation zu sein, dessen Erscheinen ich schon längst abgeschrieben hatte. Nicht zu kompliziert, aber im Detail dann doch hoch komplex - die Items und ihre abschließenden Funktionsweisen in Kombination mit eigenen Class-Mods und denen der Mitspieler zu verstehen, ist fast unmöglich. Dabei ist Borderlands trotzdem herrlich einfach und monoton, ohne dass das auch nur eine Sekunde nerven würde. Schlichter und ehrlicher Spielspaß, zudem hinreichend bescheuert, so dass ich es in den Arm nehmen und liebhaben muss. Borderlands, du bist wie eine gute Droge: Du sedierst, bringst höllisch Spaß, lenkst ab, faszinierst und machst - leider auch - süchtig. So, keine Lust mehr was zu schreiben, ich will lieber spielen. Und zwar Borderlands, Borderlands, Borderlands...

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09 Gamereactor Deutschland
9 / 10
+
Unendlich viele Items und die damit verknüpfte Sammelwut, toller Multiplayer mit Langzeitmotivation
-
Schlimmes Wasser, schlechte Steuerung der Buggys
overall score
ist die Durchschnittswertung von Gamereactor. Wie hoch ist eure Wertung? Die Durchschnittwertung aller Gamereactor-Redaktionen wird aus den Wertungen in allen Ländern erhoben, in denen es lokalen Gamereactor-Redaktionen gibt

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