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Call of Duty: Advanced Warfare

Call of Duty: Advanced Warfare

Das neue Call of Duty macht vieles richtig und eine Menge Spaß. Doch der große Star des Spiels ist nicht Kevin Spacey.

Mit Spannung ist erwartet worden, wie wohl Hollywood-Star Kevin Spacey in Call of Duty: Advanced Warfare rüber kommen würde. Spacey schlüpft im Spiel in die Rolle von Jonathan Irons, dem Chef des Rüstungskonzerns Atlas. Der hat einen äußerst ausgeprägten Hunger nach Macht. Meine Befürchtung war, dass sein Charakter dem grandiosen Frank Underwood aus der US-Serie House of Cards viel zu ähnlich sein würde. Schließlich sind beide Charaktere charismatisch und ähnlich größenwahnsinnig. Doch diese Sorge erwies sich als völlig unberechtigt.

Irons Einbindung in die Geschichte und wie er diese mit vorantreibt geschieht auf äußerst intelligente Weise. Die Story greift aktuelle politische Ereignisse und Verfehlungen auf, verzichtet aber auf übertriebenen Nationalpatriotismus oder störendes Pathos. Was noch viel wichtiger ist: Irons wirkt als Bösewicht sehr glaubwürdig, weil es ihm gelingt, seine Abneigung gegen Demokratie argumentativ zu untermauern. Leider schaffen es die Entwickler nicht, dieses Niveau über das gesamte Spiel hinweg aufrecht zu erhalten. Zum Ende verflacht Kevin Spaceys Charakter ein wenig und verfällt in die gut bekannten Bösewichts- und Weltherrschafts-Schemen.

Call of Duty: Advanced WarfareCall of Duty: Advanced Warfare
Der Multiplayer geht zwar bei dem ganzen Kevin-Spacey-Hype in der Wahrnehmung etwas unter, ist aber der eigentliche Höhepunkt des Spiels.

Den bewährten Rezepten bleibt die Reihe treu, natürlich. Das bedeutet in erster Linie, dass jede Menge einstürzt, umstürzt, explodiert - und wir sind immer mittendrin. Diese cineastische Aufmachung kennen Fans von Call of Duty. Wer daran bisher seine Freude hatte, dem wird auch die Inszenierung des neuen Teils gefallen. Typisch ist auch, dass wir bei den Gefechten während der Kampagne ganz schön herumkommen und praktisch überall auf dem Planeten im Einsatz sind.

Mit jedem Einsatzort wechselt auch die Ausrüstung. Da wir uns 40 Jahre in der Zukunft befinden, ist diese entsprechend fortgeschritten. Das entscheidende Feature ist unser Exoskelett, das uns je nach Mission unterschiedliche Fähigkeiten verleiht. Mal führen wir mit ihm hohe Doppelsprünge aus, mal ziehen wir uns wie im Stil von Batman an Häuserkanten und Geländern hoch. Und mal macht es uns gänzlich unsichtbar.

Auch wenn das für Abwechslung sorgt, die ständig wechselnde Ausrüstung macht mich etwas traurig. Denn so können wir uns im Laufe der Kampagne nie ganz auf die Steuerung einlassen, geschweige denn sie verinnerlichen. Dieses angenehme Gefühl, Aktionen im Spiel auszuführen, ohne wirklich darüber nachzudenken, welche Tasten wir dazu drücken, stellt sich leider nie ein. Und da diese Fähigkeiten mit den notwendigen Bildschirmtipps einhergehen, schleicht sich das Gefühl eines nie enden wollenden Tutorials ein.

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Kevin Spacey schlüpft im Spiel in die Rolle von Jonathan Irons, dem Chef des Rüstungskonzerns Atlas.

Schade ist auch, dass wir diese Fähigkeiten eigentlich kaum benötigen. Der Doppelsprung wird eigentlich nur zur Fortbewegung genutzt und nicht zum Erarbeiten eines taktischen Vorteils durch das Einnehmen einer höheren Position. Das Level, in dem wir den Stealth-Anzug tragen, ist in seiner Schleichpassage eher ziemlich lächerlich und in keiner Weise spannend. Auch bei den Gegnern zeigt das Leveldesign so einige Schwächen. Denn diese strömen völlig unkontrolliert wie Ameisen aus allen Löchern, ganz gleich, ob wir uns auf einer griechischen Insel befinden oder in einem gewaltigen Höhlensystem in der Antarktis. Ich frage mich, ob sich Einwohner von Santorin nicht ein wenig über diese Scharen von Männern mit Kapuze gewundert haben.

Auch in einer anderen Sache ist sich Call of Duty absolut treu geblieben - nur leider auf keine positive Weise. Denn die Grafik ist wie so oft nicht ganz auf der Höhe der Zeit. De facto gibt es sogar auf der PS3 und Xbox 360 einige Spiele, die um einiges besser aussehen als Call of Duty: Advanced Warfare. Traurig ist das auch, weil die Spielgrafik so einen starken Kontrast zu den unglaublich hübschen Zwischensequenzen bildet. Oftmals muss man echt ganz genau hinschauen, um zu erkennen, dass es sich nicht um echte Filmaufnahmen handelt. Am Ende ist es sogar die nette Story, von der die Kampagne zu großen Teilen lebt. An zwei Abenden lässt sich die ganz entspannt durchspielen. Das sind zwar nicht viele, aber dafür unterhaltsame Stunden.

Doch zum Glück verfügt auch Call of Duty: Advanced Warfare traditionell über einen gut ausgestatteten Multiplayer. Der geht zwar bei dem ganzen Spacey-Hype in der Wahrnehmung etwas unter, ist aber der eigentliche Höhepunkt des Spiels. Der CoD-Multiplayer gilt gemeinhin als sehr schnell, doch bei Advanced Warfare zieht das Tempo nochmal ein kleines Stück an. Das ist in erster Linie dem Exoskelett zu schulden, das natürlich auch hier zum Einsatz kommt. Zwei Bewegungen prägen dabei das Spiel entscheidend: der Doppelsprung und der Dash.

Call of Duty: Advanced Warfare
Da sich diese Bewegungen auch kombinieren und aneinander ketten lassen, ergeben sich völlig neue Bewegungsmuster, die man erst im Laufe der Zeit verinnerlicht.

Der Doppelsprung sorgt dafür, dass der gesamte Multiplayer deutlich vertikaler wird. Mit ihm lassen sich schnell Dächer erklimmen und Gegner können praktisch von überall her kommen. Das Spiel wird dadurch deutlich dynamischer. Lauer-Taktiken erweisen sich schnell als nutzlos. Den Dash kann man sich als einen schnellen Satz nach vorn, hinten oder zur Seite vorstellen. Da sich diese Bewegungen auch kombinieren und aneinander ketten lassen, ergeben sich völlig neue Bewegungsmuster, die man erst im Laufe der Zeit verinnerlicht. Speziell, wenn es um das Erklimmen von erhöhten Punkten geht, gibt es einige Tricks, die einem einiges an Timing und Geschick abverlangen. Auch die Kämpfe im Multiplayer werden sich in nächster Zeit entwickeln. So wird sich beispielsweise mit der Zeit vermutlich jeder Spieler angewöhnen, sofort zur Seite zu springen, sobald er beschossen wird.

Die Zusammenstellung der Ausrüstung ist ein Aspekt, in dem man sich mittlerweile fast schon verlieren kann. Wir können 13 Bestandteile je nach Vorlieben auswählen. Simpelstes Beispiel: Verzichten wir auf eine Sekundärwaffe, können wir stattdessen der Primärwaffe erweiterte Magazine oder ein Visier spendieren. Oder man verzichtet ganz auf Schusswaffen, läuft nur mit einem Messer herum und wird mit den vielen Extras besonders schnell, robust und lautlos. Ich hasse solche Leute.

Auch das Exoskelett können wir hier anpassen. Die Taste, mit der wir in früheren Teilen Sekundär-Granaten geworfen haben, dient nun zum Auslösen der Exo-Fähigkeit. Die steht uns mit jedem Leben nur ein Mal zur Verfügung. Mit dieser Fähigkeit können wir beispielsweise in kurzer Zeit viel Lebensenergie regenerieren oder ein Schutzschild erzeugen, das uns vor Frontalangriffen schützt. Auch eine Stealth-Funktion gibt es, die uns für einige Sekunden im Multiplayer fast unsichtbar werden lässt.

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All die spannenden Extras schalten sich natürlich erst mit wachsender Erfahrung frei, was das Ausrüsten zu einem nicht enden wollenden Optimierungsprozess macht.

Für innerhalb eines Matches gesammelte Punkte erhalten wir wie gehabt Abschussprämien, zumindest sofern wir dies möchten. Denn selbst dieser Teil des Pick-13-Systems kann gegen andere Attribute ausgetauscht werden. Doch auch diese Prämien sind bereits ein kleines Universum für sich, da sie sich alle auf verschiedenste Art erweitern lassen.

Unsere Überwachungsdrohne zeigt zum Beispiel in ihrer Standard-Ausführung alle paar Sekunden die Position der Gegner auf der Mini-Karte an. Mit ein paar Erweiterungen werden später sogar die Blickrichtungen angezeigt oder die Gegner gar durch Wände hindurch sichtbar gemacht. Selbstverständlich gibt es diese Erweiterungen nicht umsonst. Je nach Stärke des Extras kosten diese Extras mal mehr und mal weniger Punkte. Das kann selbst harmlose Prämien sehr "teuer", aber eben auch sehr mächtig machen.

All die spannenden Extras schalten sich natürlich erst mit wachsender Erfahrung frei, was das Ausrüsten zu einem nicht enden wollenden Optimierungsprozess macht. Als wäre das alles nicht schon umfangreich genug, wurde dem Spiel ein Loot-System spendiert, ähnlich wie bei einem Rollenspiel. Hierbei erspielen wir uns neben Kleidung und Accessoires für unsere Spielfigur auch modifizierte Waffen, die sich in ihren Werten teils drastisch vom Original unterscheiden.

Call of Duty: Advanced Warfare
Man kann Call of Duty lieben oder hassen. Nur eines kann man in diesem Jahr nicht: dem Spiel vorwerfen, es hätte sich nichts verändert.

Ich habe bis hierher vielleicht schon mehr über das Menü gesagt, als ich es vielleicht tun sollte und dabei deutlich weniger berichtet als ich es tun könnte. Dieses System ist in seiner Gesamtheit einfach unheimlich faszinierend, gerade auch deshalb, weil das Balancing trotz dieser schier unendlichen Einstellungsmöglichkeiten überall im Multiplayer stimmt.

Für eine Funktion haben die Entwickler ein echtes Sonderlob von mir verdient. Wenn wir durch die großen Massen an Waffen blättern und uns einfach nicht entscheiden können, mit welcher wie es als nächstes versuchen wollen, drücken wir einfach die Start-Taste und landen mit einem Schlag sofort auf dem Schießstand. Hier können wir frei drauflos ballern und in einem automatisch startenden Übungsprogramm schauen, ob uns die Waffe gefällt oder nicht. Echt fein gemacht.

Man kann über Call of Duty als Serie denken, was man möchte. Man kann es lieben oder hassen. Nur eines kann man in diesem Jahr nicht: dem Spiel vorwerfen, es hätte sich nichts verändert. Die teils futuristischen Waffen und das Exo-Skelett machen das Spiel zu einer Kombination aus gewohnt tollem Spielgefühl und dem Flair von Crysis oder Unreal Tournament. Das ist sehr erfrischend und macht großen Spaß. Dank dutzender, unterschiedlichster Modi und einem gelungenem Koop-Modus wird einem online nie langweilig. Und die Kampagne zeigt vor allem auf, wie viel ungenutztes Potenzial noch in der neuen Marke steckt.

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08 Gamereactor Deutschland
8 / 10
+
umfangreicher Multiplayer, tolles Spielgefühl, nette Story, ein sehr glaubwürdiger Kevin Spacey, großartige Zwischensequenzen
-
Leveldesign in der Kampagne einfallslos, Story verflacht zum Ende, Spielgefühl kann nicht verinnerlicht werden, schwache Optik
overall score
ist die Durchschnittswertung von Gamereactor. Wie hoch ist eure Wertung? Die Durchschnittwertung aller Gamereactor-Redaktionen wird aus den Wertungen in allen Ländern erhoben, in denen es lokalen Gamereactor-Redaktionen gibt

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