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Encodya

Encodya

Chaosmongers ehrgeiziges Spiel ist ein charmantes Abenteuer mit ruhiger Stimmung in einer Cyberpunk-Welt.

Das Genre der Point&Click-Adventures ist in unserer modernen Zeit nicht sonderlich gefragt. Tatsächlich ist es heutzutage sogar ziemlich selten geworden, dass Spiele dieser Art erscheinen, was eine Schande ist. Das Genre ist zu einer Nische geworden, aber zum Glück gibt es regelmäßig ein paar Lichtblicke, die die Fans genießen können. Komischerweise kommen die meisten dieser Titel aus Deutschland und obwohl ich nicht genau weiß, wo der Zusammenhang zwischen diesen beiden Dingen besteht, bin ich den Entwicklern dieser Projekte sehr dankbar, dass sie das Genre nicht aufgeben.

Encodya wird nur von einem deutschen Publisher betreut, aber es spielt in unserer Hauptstadt. Die Bürger von Neo-Berlin werden in einer dystopischen Zukunft von einer digitalen Krankheit geplagt. Genau wie in Ready Player One sind viele Bürger von der virtuellen Realität abhängig geworden und setzen ihre Headsets nicht einmal mehr ab, wenn sie das Haus verlassen. Das Problem ist so groß, dass die betroffenen Menschen sogar vergessen zu essen, weshalb die Sterblichkeitsrate unter diesen armen Zukunftsmenschen sehr hoch ist. Dieses Schicksal hat auch die Mutter der kleinen Tina getroffen, weshalb sie seitdem mit ihrem Kindermädchen-Roboter S.A.M. auf der Straße lebt.

Das junge Mädchen wird bald zehn Jahre alt und aufgrund ihrer geringen Größe wird sie von allen nur „Tiny Tina" genannt, was sicher viele von uns an Borderlands erinnert. Das könnte auch Entwickler Chaosmonger Studio zu diesem Namen veranlasst haben, denn im Spiel geht es häufig um den Subkontext. In Neo-Berlin treffen wir zum Beispiel einen Verkäufer für veraltete Computer-Hardware, auf dessen Hemd der berühmte, dreiköpfige Affe aus dem ersten Monkey Island aufgedruckt ist. Darunter steht der Text „Hinter Dir, ein dreiköpfiger Affe!!" - das dazugehörige Zitat aus dem ikonischen Spiel. Wenn euch solche Funde nicht zumindest ein leichtes Schmunzeln ins Gesicht zaubern, dann braucht ihr im Grunde gar nicht weiterlesen. Encodya lebt in gewisser Weise von diesen Dingen.

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Encodya enthält wie gesagt hunderte von Hinweisen auf die Popkultur und obwohl nicht alle ins Ziel treffen, beweisen einige durchaus Humor.

Wir treffen Tina und S.A.M. bei einem alltäglichen Problem: Tina muss etwas essen und S.A.M. braucht mal wieder Öl. Außerdem wird es kalt, also sollten wir uns warme Socken besorgen und etwas finden, das die Schutzplane über unserer Höhle hoch oben über den schmutzigen Straßen von Neo-Berlin repariert. Diese Standard-Point&Click-Aufgaben werden mit einer Geschichte von Korruption und der Jagd nach Tinas vermisstem Vater gemischt.

Unterwegs treffen wir auch auf den regierenden Bürgermeister Neo-Berlins, der unangenehm an Donald Trump erinnert, dem ehemaligen US-Präsidenten. Beim Spielstart weist Chaosmonger sicherheitshalber darauf hin, dass das Team von vielen Menschen mit unterschiedlichen Nationalitäten, Sexualitäten und politischen Ansichten entwickelt wurde. Und dass sie niemanden verletzen wollen -was fast wie eine Entschuldigung für das klingt, was im Spiel geschehen wird. Man kann durchaus erkennen, dass Encodya Gesellschaftskritik an aktuellen Themen vornimmt. Das Spiel flirtet mit jedoch mit so vielen verschiedenen Themen, dass ich als Spieler nicht alles verarbeiten konnte.

Neben dem kleinen Bürgermeister Rumpf gibt es zum Beispiel einen Sushikoch mit auffälligem, japanischem Akzent, der nichts anderes als ein Abziehbild für Stereotype ist. Als ihn Tina auf seine besondere Sprechweise anspricht, streitet er ab, dass er überhaupt einen Akzent hat - der Rest bleibt dem Spieler überlassen. So tastet sich Encodya oft an der Grenze des politisch Falschen entlang und testet gleichzeitig seine Grenzen aus. Ich mag diesen Balanceakt ehrlich gesagt, denn die Geschichte allein würde das Spiel leider nicht tragen.

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Tiny und S.A.M sprechen finden ab und zu Wege, direkt mit dem Spieler zu sprechen um somit die vierte Wand zu durchbrechen.

Wie ich bereits geschrieben habe, ist das Spiel ein klassisches Point&Click-Abenteuer und dementsprechend bewegen wir unsere beiden Helden mit der Maus von einer Seite des Bildschirms auf die Andere. Wir müssen interessante Interaktionspunkte finden und Schrott aufsammeln, mit dem wir anschließend kleine Aufgaben lösen, um Fortschritte in der Geschichte zu erzielen. Das Gameplay ist tatsächlich mein größter Kritikpunkt, da es nur sehr wenige Interaktionsmöglichkeiten gibt. S.A.M. gibt uns auf Wunsch hin Hinweise zur Lösung eines Problems, doch das ist nicht immer hilfreich.

Bleiben wir beim Beispiel der Plane: S.A.M. zufolge befindet sich unser Ziel auf der Terrasse weit oben über dem Boden. Das Spiel gibt mir zu verstehen, dass ich mit einem Charakter sprechen sollte, der mich dort hochbringt. Ich habe nur leider niemanden gefunden, der mir dabei helfen wollte. Die Lösung des Rätsels bestand darin, den versteckten Zugang zur Terrasse zu finden, der sich öffnete, nachdem ich einen winzigen Schalter, der in der Kulisse versteckt war, betätigte. Daraufhin öffnete sich ein Zugang und dort wartete auch jemand auf mich, der mir bei meinem Problem helfen konnte.

Ich bin aber nur mit Zufall über die Lösung des Rätsels gestoßen, ein besserer Hinweis hätte mir viel Zeit erspart. Leider gibt es einige solcher Beispiele, die den Fortschritt des Spiels vollständig zum Erliegen bringen können. Mit der Leertaste kann man sich immerhin besondere Flächen anzeigen lassen, doch es gibt mittlerweile eigentlich modernere Lösungen für solche Probleme in Adventure-Spielen. Allerdings könnte man auch argumentieren, dass sich Encodya eben ein bisschen mehr an der alten Schule orientiert.

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Die Bürger von Neo-Berlin sind abhängig von den Möglichkeiten der virtuellen Realität.

Von einem technischen Standpunkt aus betrachtet ist Encodya eine nette Angelegenheit. Der Titel wirft uns in eine insgesamt stimmige 2,5D-Spielwelt mit süß gestalteten 3D-Charakteren. Neo-Berlin erhält dank seiner vielen Neonlichter eine besondere Cyberpunk-Stimmung und in Kombination mit dem Regen, der später im Spiel zum Vorschein kommt, sieht das alles ziemlich überzeugend aus. Ihr werdet im späteren Verlauf der Geschichte auch andere Kulissen zu Gesicht bekommen, allerdings gefiel mir der erste Teil atmosphärisch tatsächlich etwas besser.

Die Sprachausgabe war ein gemischtes Vergnügen und das ist ein bisschen ärgerlich, weil in diesem Spiel natürlich viel gesprochen wird. Die Synchronsprecher erledigen ihre Arbeit, aber S.A.M. hört sich möglicherweise etwas langweilig und eindimensional an. Außerdem gibt es auch einen Komplettausfall und zwar gleich den ersten Charakter, den wir im Spiel treffen nachdem wir unser Versteck verlassen haben. Das ist so ein VR-Suchti, der tagsüber Professor an der Neo-Berliner Universität ist. Es ist der deutscheste Synchronsprecher, den ich je gehört habe - allerdings musste er Englisch sprechen. Das ist für Menschen, die englische Stimmen gewohnt sind, unerträglich, aber es ist zum Glück nicht der Standard.

Ob ich Encodya nun empfohlen würde, kann ich eigentlich immer noch nicht so richtig sagen. Der Titel hat viele Kritikpunkte und das Gameplay stammt aus den Neunzigerjahren. Das Design ist aber spannend und die Geschichte wird mit einigen popkulturellen Anspielungen versehen. Wenn ihr auf so etwas abfahrt, dann probiert es ruhig aus. Vergesst aber nicht, dass solch ein Spiel auch sehr frustrierend sein kann, wenn man nicht weiterkommt und einen Online-Guide zur Lösung benötigt.

07 Gamereactor Deutschland
7 / 10
+
gute Geschichte, niedliche Präsentation, Sound-Design geht auf.
-
zu wenige Interaktionsmöglichkeiten, Hinweise zu allgemein, Gesellschaftskritik geht auch mal daneben, ein Sprecher enttäuscht.
overall score
ist die Durchschnittswertung von Gamereactor. Wie hoch ist eure Wertung? Die Durchschnittwertung aller Gamereactor-Redaktionen wird aus den Wertungen in allen Ländern erhoben, in denen es lokalen Gamereactor-Redaktionen gibt

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KRITIK. Von Claus Larsen

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