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Mafia III

Mafia III

So emotional die Geschichte des Rachefeldzugs von Lincoln Clay gegen die Mafia auch erzählt ist, das Spiel selbst kann nicht halten, was die Zwischensequenzen wiedergeben.

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Mafia III hätte so ein großartiges Spiel werden können, wenn die Entwickler von sich selbst gelernt und zudem mal ein Auge auf das geworfen hätten, was die Konkurrenz aktuell so treibt beziehungsweise ein Spiel wie Grand Theft Auto V schon vor einiger langer Zeit viel besser gemacht hat. Nun, ist vielleicht nicht passiert, vielleicht doch und dann ignoriert wprden warum auch immer. Jedenfalls ist für mich, so schade ich das selbst finde, Mafia III kein großartiges Spiel geworden. Es ist aber eines, das trotzdem Laune bringt und vor allem eine bitterböse Lebensgeschichte knallhart und in beeindruckenden Zwischensequenzen erzählt.

Es ist die Geschichte des Rachefeldzugs von Lincoln Clay. Jene Menschen, mit denen er groß geworden ist, seine Adoptivfamilie, fällt einem brutalen Verbrechen zum Opfer. Lincoln, der gerade mit Orden dekoriert aus Vietnam zurückgekehrt ist, muss das Verbrechen mit ansehen und überlebt nur durch eine glücklichen Zufall. Wieder zu Kräften gekommen zieht er seine grüne Armeejacke nicht mehr aus und macht sich auf, den Mafiaboss Sal Marcone zu stellen. Es ist ein Marsch durch die illegalen Institutionen auf die ganz harte Tour. Viel Raum für Diskussionen lässt Clay den Unterbossen und Capos des Marcone-Clans nicht. Die sterben entweder oder arbeiten fortan für Clay und seine Helfer, die auch alle offene Rechnungen mit Marcone haben.

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Mafia IIIMafia III
Die KI agiert nicht besonders schlau, flankiert wie immer und übt nur durch schnelle Aktionen und die Tatsache, das Treffer schnell tödlich enden, Druck aus.

Der Einstieg ins Spiel ist rasant, aber auch eigenartig und zerfasert. Es wird hin und her gesprungen zwischen Zeiten und bis man so richtig in der offenen Welt von Mafia III ankommt, vergeht mehr als nur ein Stündchen. Gerade am Anfang ist das Tempo stimmiger, was auch an der stärkeren Fokussierung liegt. Wenn sich das Spiel öffnet, zeigen sich natürlich etwas mehr Möglichkeiten, aber auch die Probleme von Mafia III und seiner Struktur.

Die ist nämlich in sich recht trist. Man folgt immer wieder dem System, einen Satz ähnliche Missionen zu erledigen, um die Bosse rauszulocken und dann zu erledigen. Passiert das, eröffnet sich der Weg zum Anführer eines Bezirks und über denn dann zum Capo und am Ende zu Marcone selbst. Wir sollen den Boss hochnehmen, indem von unten nach oben seine Strukturen unterwandert, zerstört und umpolt werden Jeden kleinen oder großen Drogenhändler kann man töten oder zwingen, für einen selbst zu arbeiten. Leider wiederholt sich hier vieles. Irgendwelche Gebäude stürmen bzw. infiltrieren, mal jemanden verhören. Es gibt wenig Abwechslung und die Höhepunkte sind spielerisch eher sparsam gesetzt.

Das Gameplay ist offensiv und brutal. Wer leise schleicht, kann seine Gegner aus der Deckung heraus messern oder mit leisen Waffen nach und nach ausknipsen. Man kann die Sache auch mit schweren Waffen, Granaten, Molotov-Cocktails und der Brechstange. In Deckung gehen wie bei Gears of War bietet sich an, man kann Gegner mit Pfiffen heranlocken und aus der Deckung heraus umlegen. Das läuft alles flüssig, aber auch sehr vorhersehbar. Die KI agiert nicht besonders schlau, flankiert wie immer und übt nur durch schnelle Aktionen und die Tatsache, das Treffer schnell tödlich enden, Druck aus. Aber alle Gegner gehorchen immer den Pfiffen und laufen ohne Angst in Richtung Leichenberge, ohne die Gefahr zu sehen, wenn Lincoln hinter einer Minikiste hockt.

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Seine besten Momente hat Mafia III, wenn die Mucke läuft.

Missionen wie "Töte diesen" oder "Kille jenen" lassen sich einfach aushebeln. Sie sind auch dann abgeschlossen, wenn man reinrennt und das Ziel tötet und zwei Sekunden später selbst stirbt. Die Verhör-Missionen sind immer wieder kaputt. Da soll man Typen unter Druck setzen, die gerne auch mal im Auto abhauen. Tun sie das, kann man ihnen nach dem Einsteigen endlos Kugeln in den Kopf schießen, aber es passiert nichts. Man muss sie losfahren lassen und dann den Wagen außer Gefecht setzen, um sie dann erschießen zu können. Andere Missionen kann man schon spielen, obwohl sie noch gar nicht „dran" sind - und muss sie dann später nochmal spielen, nur ist dann das Ziel noch zusätzlich zu erledigen. Freie Spielwelt geht jedenfalls anders, weil man eben doch der dann allerdings immerhin ziemlich freien Missionsstruktur folgen muss.

Seine besten Momente hat Mafia III, wenn die Mucke läuft. Die sorgfältig lizenzierte Musik sorgt mit über 100 Songs aus den 1960ern immer wieder für unglaublich starke Momente, was aber eben eher an der exzellenten Auswahl der Tracks als am Spiel selbst liegt. Wobei es schon ziemlich top ist, wenn man zu You Keep Me Hangin' On von den Supremes oder Vanilla Fudge (beide Versionen, allein das!) oder Nowhere To Run von Martha and The Vandellas durch New Bordeaux cruised auf der Suche nach der nächsten armen Seele. Um den Rachefeldzug zu vereinfachen, kann Lincoln Allianzen mit bis zu sechs Marcone-Opfern eingehen. Die eröffnen den Zugriff auf Bonusfeatures wie Autolieferungen, Unterstützung durch eine temporäre Gang oder die mobile Abholung des erbeuteten Geldes. Man kann auch die durchweg aggressive Polizei etwas ausbremsen.

Die schlechtesten Momente liefert einem die Grafik. Die sieht in der von mir gespielten Xbox One-Fassung (hier leider auch die optisch schlechteste) manchmal aus wie aus der letzten Generation. Zudem gibt es große Probleme mit den Texturen. Manchmal lädt etwa die Lackierung der insgesamt schwach ausschauenden Autos erst völlig, nachdem man eingestiegen und losgefahren ist. Ich habe das Gras wachsen sehen, während ich dran vorbeigerauscht bin. Oder man kommt mitten in der Nacht bei einer Schlüsselszene am Zielort an, steigt ins Auto des wartende Vito und zack ist es mittags und die Sonne brennt. Da ist zu häufig keine Kontinuität und das bricht die Immersion. Ich meine, ich habe vor meiner Villa in den Sümpfen Autos ohne Reifen parken sehen in den Zwischensequenzen. Allein, dass mir das auffällt, spricht Bände. Und ich bin für so einiges bekannt, aber nicht dafür, nörgelig zu sein, wenn die Grafik so ihre Zicken hat. Aber das hier sind die Spice Girls im Schlammschlachtmodus nach der Trennung, so als Videospiel betrachtet.

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Und so herrlich und beeindruckend die Zwischensequenzen und die auf 1960er alt gemachten Fernsehaufnahmen auch sein mögen, so toll hier die Atmosphäre ist, sie wird vom Rest des durchaus vergnüglich gemachten Spiels nicht getragen.

Zudem ist das Game mehrmals komplett eingefroren aus dem Nichts, ein paar Sekunden so geblieben und dann einfach wieder weitergelaufen. Mehrmals ist das Game aus heiterem Himmel abgestürzt, mal mitten in der Mission, mal in der freien Welt. Böse Grafik-Glitches wie völlig verzerrte Charaktere gab es kostenlos dazu. Apropos: Die Charaktermodelle mögen in den Zwischensequenzen immer wieder herausragend gut aussehen (worauf eine Nachaufnahme nach der anderen wenig dezent hinweist), im Spiel selbst wiederholen sich die Gegner schnell und sehen häufig identisch aus. In einem normalen Spiegel ist Lincoln ein Vampir, man sieht sein Spiegelbild einfach nicht.

Einen weiteren Spiegel findet man im Auto (und auch in den verfügbaren Speed- oder Luftkissenbooten). Der Rückspielgelinhalt beim Autofahren sieht so schlimm aus, wie beim originalen Need for Speed auf dem Amiga. Dazu nervt beim Fahren die Kollisionsabfrage teils fürchterlich. Man kann kaum abkürzen, weil jeder Strauch einen knallhart stoppt. Es ist nie wirklich ersichtlich, was man umnieten kann und was nicht. Fußgänger fliegen immer über die Haube ab, aber Laternenpfähle oder Stromkästen sind schnell ein ätzendes Sofort-Stopp-Hindernis. Das nervt gehörig. Zumal das Autofahren ja der chillige Teil sein soll, um die Musik zu genießen, während man teils minutenlang zum Zielort fährt. Was dann auch wieder nervt, weil das Autofahren eben nur diesem Zweck dient. Ein Taxi zum Abkürzen der Wege wie in GTA gibt's nicht.

Es ist wirklich schade, weil die Story und das gesamte Setting echt schick sind. Die das Mafia-Thema erfrischend anders erzählende Story ist interessant und gerade im englischen Original toll vertont. Die deutsche Synchro ist okay, kann aber nie mithalten. Und so herrlich und beeindruckend die Zwischensequenzen und die auf 1960er alt gemachten Fernsehaufnahmen auch sein mögen, so toll hier die Atmosphäre ist, sie wird vom Rest des durchaus vergnüglich gemachten Spiels nicht getragen. Wie gesagt, man kann und wird mit Mafia III seinen Spaß haben, gerade wenn man auf das Genre steht. Aber es ist auch nicht zu übersehen, wo überall die Probleme sind.

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07 Gamereactor Deutschland
7 / 10
+
tolle Story, wunderbar ausgewählter Soundtrack, streckenweise feine Atmosphäre, auf hohem Schwierigkeitsgrad anspruchsvoll
-
schwache Grafik, eine Menge große und kleine Bugs, viele Inkonsistenzen
overall score
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