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Pokémon-Legenden: Arceus

Pokémon-Legenden: Arceus

Die Pokémon-Serie macht einen mutigen Schritt in eine neue, aufregende Richtung. Dabei lässt sie allerdings einiges zurück.

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Im Sommer 2016 liefen große Menschengruppen durch die Gegend, um ihre Telefone auf beliebige Objekte auszurichten. Ich spreche vom Pokémon-Go-Fieber, das dafür sorgte, dass sich Millionen von Menschen auf die Suche nach einem schwer fassbaren Relaxo begaben oder sich Abzeichen durch Kämpfe in Arenen verdienen wollten. Der phänomenale Erfolg des AR-Spiels zeigt, wie stark der Wunsch einiger Menschen ist, niedliche kleine Monster zu fangen. Von einer Story oder tiefgreifenden Spielmechaniken sieht das Game bis heute ab, doch das war bislang auch nie nötig. Ist das Konzept trotzdem stark genug, um ein reguläres Spiel zu rechtfertigen? Mit Pokémon-Legenden: Arceus für die Nintendo Switch gibt uns Entwickler Game Freak endlich eine Antwort auf diese Frage.

Pokémon-Legenden: Arceus lässt sich am besten als eine Kombination aus neuen und alten Elementen beschreiben, da es weder ein klassisches Hauptspiel noch ein typisches Spin-Off ist. Der Titel ist in der Sinnoh-Region angesiedelt, die kürzlich von Millionen von Spielern in Pokémon Strahlender Diamant/Leuchtende Perle besucht wurde. Diesmal gibt es jedoch keine Telefone, Eisenbahnen oder andere Annehmlichkeiten des modernen Lebens. Pokémon-Legenden: Arceus spielt im späten 18. Jahrhundert und Hisui (so wurde die Region damals genannt) ist noch eine fast unerforschte Wildnis voller Wunder und Gefahren. Zumindest ist sie das außerhalb der schützenden Mauern Jubeldorfs.

Diese idyllische Stadt, die sich an einem sanften Fluss angesiedelt hat und aus Holzhäusern und kleinen Feldern besteht, dient den Spielern in diesem Abenteuer als zentrale Operationsbasis. Pokémon werden noch nicht in einem Computer untergebracht, sie bewegen sich frei auf den Weiden und Feldern der Welt umher. Die Poké-Shops wurden durch kleine Straßenverkäufer ersetzt, die nützliche Gegenstände und Handwerksmaterialien vertreiben. In Jubeldorf ist auch das „Galaxy Expedition Team" beheimatet - diese Organisation widmet sich der Erforschung von Pokémon. Zu Beginn werden wir (ein unbekannter Neuling) in die Forschungstruppe eingezogen und fortan ist es unsere Aufgabe, die Region zu erkunden und jedes Pokémon zu fangen, das uns begegnet.

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In den früheren Spielen gab es nie wirklich einen Grund dafür, dass man den Pokédex selbstständig vervollständigen sollte. Die Pokémon sind zu diesem Zeitpunkt doch längst ein natürlicher Bestandteil des Lebens der Menschen und viele Wissenschaftler studieren jede ihrer Bewegungen und Variationen seit Generationen. Die verstreuten Aufzeichnungen von zehnjährigen Kindern dürften in der Theorie keinen nennenswerten Beitrag zum vorhandenen Wissenstand darstellen. In Pokémon-Legenden: Arceus hat das Volk von Hisui aber gerade erst damit begonnen, Pokémon zu zähmen. Jede noch so kleine Beobachtung macht deshalb einen spürbaren Unterschied aus.

Ihr habt deshalb nicht nur die Aufgabe, ein Pokémon zu fangen, ihr sollt auch ihre Verhaltensweisen studieren und das kann auf verschiedene Arten geschehen: Beispielsweise könntet ihr ein wildes Exemplar im Kampf besiegen oder eine bestimmte Anzahl einer Pokémon-Art im hohen Gras fangen. Mit jedem neuen Eintrag im Pokédex erhaltet ihr Ressourcen, wie Geld, Pokebälle und Beeren. Außerdem steigt euer Rang in der Forschungsgilde, was wiederum notwendig ist, um in der Geschichte voranzukommen und Expeditionen in neue Gebiete zu unternehmen.

Da Hisui noch relativ unerforscht ist, gibt es keine Straßen oder gar Wege, welche die verschiedenen Regionen miteinander verbinden würden. Stattdessen bietet das Spiel fünf riesige Landstriche, die bis in den letzten Winkel erforscht werden können. Im Vergleich zu den Wildzonen von Pokémon Schild/Schwert zeigen diese Areale beeindruckende, abwechslungsreiche Landschaften, die von kalten, geradezu lebensfeindlichen Regionen in den schneebedeckten Bergen bis zu idyllischen Wiesen reichen, die sich eher für ein Picknick als für Kämpfe anbieten. Die umherstreifenden Pokémon sind ein natürlicher Teil dieser Umgebungen und sie werden nicht mehr zufällig von einem Algorithmus verteilt.

Pokémon-Legenden: Arceus
Mit jedem neuen Eintrag im Pokédex erhaltet ihr Ressourcen, wie Geld, Pokebälle und Beeren.
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Trotz dieser vielfältigen Kulisse fühlt sich Pokémon-Legenden: Arceus wie ein Spiel an, das sich primär an Handheld-Spieler richtet. Auf einem riesigen OLED-Display ist es einfach zu schwer, die Mängel in der Präsentation nicht zu bemerken. Verglichen mit einem Spiel wie Monster Hunter Rise sehen die offenen Bereiche flach und leblos aus, und die einfachen Texturen, sowie die niedrige Distanz, innerhalb der detaillierte Objekte dargestellt werden, werden vielen Spielern vor den Kopf stoßen. Da Umgebungseffekte, wie das Biegen von Bäumen und Sträuchern durch den Wind, oder dynamische Beleuchtung komplett fehlen, wird man bei der Erkundung nur selten mit majestätischen Anblicken belohnt. Das enorme visuelle Potenzial von Hisui bleibt somit weitgehend ungenutzt. Die Welt von Pokémon-Legenden: Arceus ist sicherlich ein Hauch von frischem Wind, aber es ist sicherlich kein Breath of the Wild.

Die visuellen Unzulänglichkeiten fallen einem aber gar nicht immer unbedingt auf, da man meist damit beschäftigt ist, Ressourcen zu sammeln, gegen Pokémon zu kämpfen und im Rang aufzusteigen. Abgesehen von der recht knappen Hauptgeschichte hält uns Game Freak mit einer riesigen Auswahl an Nebenmissionen auf Trab, die sich größtenteils auf das Fangen von Pokémon konzentrieren. In den besten dieser Missionen, die nicht nur eure Trainerfähigkeiten, sondern auch euer Wissen über Pokémon auf die Probe stellen, müsst ihr ein bestimmtes Pokémon anhand einer vagen Beschreibung oder eines unscharfen Fotos identifizieren.

Das Abschließen dieser Nebentätigkeiten bringt in erster Linie unmittelbare Belohnungen mit sich, es hat aber auch weitergefasste Auswirkungen auf die Gemeinschaft, in der ihr euch einfügt. Ein elegantes Pokémon könnte den Friseur dazu inspirieren, gewagte neue Schnitte auszuprobieren, während sich ein starkes Pokémon wie Kleinstein als fähiger Landarbeiter entpuppen könnte, der wiederum beim Anbau von Feldfrüchten hilft. Mit den erzielten Fortschritten in der Geschichte öffnen sich neue Möglichkeiten für das Herstellen von Gegenständen und die Navigation. Zu sehen, wie das Dorf mit der Zeit wächst, während wir mehr über die Welt der Pokémon erfahren, ist äußerst befriedigend. Dennoch fühlen sich viele der Missionen wie Füllmaterial an und deshalb wird es viele Spieler geben, die sich nach mehr Abwechslung sehnen werden.

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Da das Fangen von Pokémon in fast allen Aspekten des Spiels im Mittelpunkt steht, verdient Game Freak Lob dafür, dass sie dieses Kernerlebnis nahezu perfekt gestaltet haben. Wer schon einmal ein Pokémon-Spiel gespielt hat, kennt wahrscheinlich das Problem, aus heiterem Himmel von einem niedrigstufigen Zubat oder einem nervigen Ratzfatz angegriffen zu werden. In diesem Spiel könnt ihr euch dafür rächen, denn kleine oder schwache Pokémon lassen sich ohne Kampf fangen, indem ihr sie mit einem Pokéball abwerft. Ihr könnt Pokémon auch mit Beeren ablenken oder ihnen mit einem Überraschungsangriff aus dem hohen Gras heraus in den Rücken fallen - beides erhöht eure Fangchance dramatisch. Manchmal ist ein traditioneller Kampf aber der einzige Weg, um mehr über ein Pokémon zu erfahren.

An den Grundmechaniken hat sich in diesem Spiel nicht viel getan. Jedes Pokémon kann bis zu vier Fähigkeiten erlernen, die unterschiedliche Stärken und Schwächen im Vergleich zu anderen Elementen aufweisen. Es ist ein bisschen wie Stein-Papier-Schere, nur dass man damals eine Tabelle brauchte, um sich all die Verbindungen merken zu können. Im Einklang mit den neueren Einträgen informiert uns Pokémon-Legenden: Arceus aber glücklicherweise darüber, welche Fähigkeiten gegen den aktuellen Gegner effektiv sind, wodurch die Duelle ziemlich geradlinig ablaufen. Einige der fortschrittlicheren Funktionen wurden allerdings weggelassen, darunter die Möglichkeit, ein Pokémon mit Items auszurüsten und mit zwei Pokémon gleichzeitig zu kämpfen.

Andererseits haben wilde Pokémon und andere Trainer absolut keine moralischen Bedenken, euch in Schwärmen anzugreifen. In diesen Fällen ist es besonders wichtig, dass wir eine neue, taktische Dimension beachten: agile und starke Angriffe. Letztere verursachen mehr Schaden als normale Attacken, sind aber langsamer. Ein flinker Angriff ermöglicht es uns im Idealfall, zweimal hintereinander zu agieren, allerdings richten die einzelnen Attacken meist weniger Schaden an. Alle Fähigkeiten können entweder in der agilen, der normalen oder der starken Haltung ausgeführt werden und welche man wählt, kann sich auf die Reihenfolge der Angriffe auswirken. Diese Mechanik erinnert an einen Zeitstrahl, den man von rundenbasierten Strategie-Rollenspielen kennt. Obwohl Pokémon-Legenden: Arceus dadurch nicht gleich ein Disgaea wird (und auch nicht an den Anspruch von Pokémon Schild/Schwert heranreicht) sorgt die zusätzliche, taktische Dimension für ein zufriedenstellendes Kampfsystem.

Pokémon-Legenden: Arceus
Pokémon-Legenden: Arceus spielt im späten 18. Jahrhundert und die Hisui-Region ist eine Wildnis voller Wunder und Gefahren.
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Die wichtigste Verbesserung dieses Titels ist aber nicht der Pokémon-Kampf, sondern vielmehr die Tatsache, wie schnell man in diese Gefechte einsteigt und sie abschließt. Anstatt jedes Mal, wenn man einem Pokémon zu nahe kommt, in eine abstrakte Dimension entführt zu werden, finden die Duelle nun genau dort statt, wo ihr dem Pokémon begegnet. Das steigert die Immersion ungemein und es beschleunigt den gesamten Prozess immens. Nach einem Sieg müssen wir uns nicht mehr durch Bildschirme voller Text quälen, sondern können direkt in die nächste Herausforderung eintauchen. Viele der Kampfanimationen orientieren sich an diesem einfachen, aber effektiven Stil. Es ist das erste Pokémon-Spiel seit langer Zeit, bei dem ich die Animationen nicht komplett ausgeschaltet habe.

Ich sollte noch anmerken, dass die Welt zwar keine schillernden Städte oder interessante Rätsel bietet, die Erkundung aber trotzdem viel spannender und belohnender ist als in früheren Spielen der Reihe. Wilde Pokémon greifen die Trainer mit ihren Attacken direkt an und zwingen uns dazu, mit der Y-Taste auszuweichen oder ein Pokémon in den Kampf zu schicken. Die neu erworbenen akrobatischen Fähigkeiten kommen uns auch im Kampf gegen die richtig wütenden Exemplare zugute: Riesige, leuchtende Pokémon, die in der Marketingkampagne im Vorfeld der Veröffentlichung stark beworben wurden. Der Kampf gegen sie ist nicht sonderlich aufregend, denn man muss nur ihren einfachen Angriffsmustern ausweichen, während man die Kreaturen so lange mit beruhigendem Balsam bewirft, bis sie sich abreagiert haben. Wenn ihr sie besiegt habt, verwandeln sie sich in praktische Reittiere, mit denen man über das Wasser, über Abhänge und schließlich durch die Luft navigieren kann.

Nüchtern betrachtet ist die Geschichte wahrscheinlich die kohärenteste Rahmenhandlung seit Pokémon Schwarz/Weiß. Die Story behandelt die Beziehung zwischen Menschen und Pokémon (stellvertretend als Ersatz für die Natur) auf eine Art und Weise, die weder zu belehrend noch zu locker rüberkommt. Leider wird die Narration auf die fadeste Art und Weise vorgetragen, denn Pokémon-Legenden: Arceus fährt lahme Charaktere, ereignislose Zwischensequenzen und lachhafte Bösewichte auf, die das ikonische Team-Rocket-Paar Jessie und James wie Jason aus Freitag der 13. wirken lassen. Natürlich war Pokémon nie ein Werk von Shakespeare, aber in den früheren Spielen hatten die Charaktere zumindest genügend Zeit, sich zu entwickeln und Beziehungen aufzubauen. In diesem Abenteuer tauchen Leute auf, die ebenso schnell wieder verschwinden, wie es die wilden Pokémon tun. Das führt zu einer Geschichte, die einerseits sehr einfach und gleichzeitig unmöglich zu durchschauen ist. Wer auf eine leicht verdauliche, aber unterhaltsame Story aus ist, ist mit Monster Hunter Stories 2: Wings of Ruin wahrscheinlich besser bedient - dieses Spiel hat nicht zuletzt auch eine Sprachausgabe, die in der Pokémon-Reihe leider immer noch fehlt.

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Da ich weiß, wie sehr die engagierte Community reine Zahlen und das Vergnügen, nahezu perfekte Pokémon für den Online-Bereich zu züchten, liebt, sollten wir uns diesen Bereich ebenfalls ansehen. Die Spieltiefe wurde insgesamt etwas abgeschwächt, aber es gibt immer noch hintergründige Anpassungsmöglichkeiten, wie die Fleißpunkte (EV) oder die Option, Pokémon-Attacken während der freien Erkundung auszutauschen. Online-Kämpfe sind zwar kein Bestandteil dieses Spiels, man kann seine gesammelten Monster aber immerhin mit seinen Freunden tauschen (als einer der ersten Siedler von Hisui bin ich dazu nur leider noch nicht selbst gekommen). Im Vergleich zu früheren Titeln wird der Pokédex in diesem Semi-Spin-Off nicht wirklich erweitert, denn es kommen nur eine Handvoll neuer Pokémon zum Einsatz (die hauptsächlich als Reittiere dienen). Die zweite Neuerung sind die sogenannten Hisui-Formen von Oldtimern wie Voltobal, doch ich kann mir nicht vorstellen, dass sie die Welt in Brand setzen werden.

Bevor ich Pokémon-Legenden: Arceus gespielt habe, war ich ziemlich skeptisch und den Online-Kommentaren nach zu urteilen, war ich mit dieser Vorsicht nicht allein. Doch nachdem ich das Spiel durchgespielt habe, kann ich mit Zufriedenheit feststellen, dass dieses Abenteuer die fokussierteste und befriedigendste Erfahrung im Taschenmonsteruniversum ist, die ich seit langem erlebt habe. Dank des flüssigen Gameplays, der reduzierten Begegnungen und der soliden Kernmechanik wurde mir bei der Erkundung von Hisui selten langweilig. Um ehrlich zu sein, hatte ich aber auch nicht immer Freude oder Spaß dabei. Viele der üblichen Elemente, wie die weitläufigen Städte oder die vielen unterschiedlichen Nebenaktivitäten der neueren Pokémon-Ableger, wurden geopfert, um das gleiche Erlebnis zu schaffen, das Millionen von Spielern in vergangenen Sommern durch die Straßen trieb. Ob ihr jetzt auf diesen Zug aufspringen oder lieber noch etwas warten wollt, bis das Format aufregendere Orte erkundet, hängt letztlich von eurem persönlichen Spielstil ab.

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Pokémon-Legenden: Arceus ist ein großartiges Spiel, wenn ihr Freude am Fangen und Kämpfen von Pokémon habt. Das ist ein großer Vorbehalt, denn wenn ihr mehr erwartet, könntet ihr am Ende enttäuscht werden.
07 Gamereactor Deutschland
7 / 10
+
Hisui frei zu erkunden ist eine Freude, die Kernmechanik ist nach wie vor solide, ein angenehm gestrafftes Erlebnis, abgeschlossene Missionen können Jubeldorf sinnvoll erweitern.
-
Geschichte insgesamt enttäuschend, die Präsentation leidet unter einem Mangel an atmosphärischen Details, Sprachausgabe fehlt noch immer, einige frühere Elemente wurden zurückgelassen.
overall score
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KRITIK. Von Jakob Hansen

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