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Until Dawn

Until Dawn

Dem Horror-Adventure für die Playstation 4 gelingt es, eine eigene Unterhaltungsform mit zu definieren, von der wir in Zukunft auf jeden Fall mehr sehen möchten.

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Das Versprechen des interaktiven Filmes wird schon seit Jahrzehnten immer wieder gemacht. Es gab schon Abstimmungen im Kinosaal, Video-Installationen oder zwei verschiedene Perspektiven auf die gleiche Geschichte, die mittels Umschalten zwischen ARD und ZDF gewechselt werden konnte. Die technischen Ansätze waren vielfältig, im Endeffekt ist jedoch alles immer wieder gescheitert. Können nun Supermassive Games, die bei Until Dawn vier Jahre Entwicklungszeit und einen Systemwechsel von PS3 auf PS4 verkraften mussten, diesen Umstand ändern? Die Antwort lautet: Ja.

Das war jetzt genau genommen ein Spoiler, der das Ende dieser Kritik vorweg genommen hat - bezogen auf die Handlung von Until Dawn wäre das ein absolutes Unding. Denn das Spiel ist nicht mehr und nicht weniger als ein Horrorfilm zum mitspielen, in dem große und kleine Entscheidungen getroffen werden müssen. Doch egal wie groß oder wie klein sie erscheinen mögen, ihre Konsequenzen rangieren in jedem einzelnen Fall von unmerklich bis fatal. Genau diese Unkenntnis der möglichen Folgen macht den Reiz des Spiels aus, deswegen darf man über die Story nur so wenig wie möglich sagen.

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Die Hauptaufgabe besteht darin, die Figuren durch die grandios gestalteten Locations zu bewegen.

Beginnen wir also mit dem, was vorab zu erfahren war: Eine Gruppe junger Erwachsener trifft sich zu einem schicksalhaften Winterurlaub in einem außer Dienst gestelltem Hotel in den Bergen. Durch Übermut und Leichtsinn kommt es zu einem schrecklichen Unfall mit Todesfolge, der die Gruppe erst einmal auseinandertreibt. Ein Jahr später finden sich alle Beteiligten erneut dort ein, in der Hoffnung, das Erlebte aufarbeiten zu können. Doch natürlich kommt es alles ganz anders. Wie in einem klassischen Teenie-Slasher lebt das Spiel vom Prinzip der Frage: Wer stirbt als nächster. Und auf welche Art?

Until Dawn wechselt dafür zwischen verschiedenen Handlungssträngen der Protagonisten, die sich genretypisch natürlich artig aufteilen, statt einfach beisammen zu bleiben. Die Hauptaufgabe besteht darin, die Figuren durch die grandios gestalteten Locations zu bewegen. Die Grafik gehört dabei zum besten, was man im Moment im Spielebereich haben kann. Alles ist sehr atmosphärisch in relativ festen Kamerawinkeln inszeniert, die an bestimmten Punkten umschalten. Das kann schon mal leicht verwirrend wirken, doch man hat immer einen kurzen Moment Zeit, den linken Stick für die Bewegungsrichtung neu auszurichten. Ein erprobtes Mittel, das auch hier sehr gut funktioniert.

Insgesamt bewegen sich die Figuren extrem elegant durch die Szenerien, bieten viele kleine, auflockernde Detailbewegungen und das "Virtual Idiot Syndrome", wegen dem man in anderen Spielen dauernd hängen bleibt oder herumzappelt, stellt sich extrem selten ein. Erkauft wird das durch eine ziemlich langsame Laufgeschwindigkeit. Die auf Tastendruck zuschaltbare schnellere Bewegung verbessert das Ganze auch nur minimal. Rennen ist nur drin, wenn es die Situation vorgibt.

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Die Story von Until Dawn bietet eine Menge Einflüsse bekannter und weniger bekannter Horrorfilme - ebenso wie Anleihen an Spieleklassiker wie Silent Hill oder Resident Evil.

Und tatsächlich wird ziemlich viel gerannt, denn das Spiel bietet viele Gefahrenquellen, und hier kommt eine weitere Hauptaufgabe neben dem Herumlaufen und Anschauen von Hinweisen hinzu: Quicktime-Events! Meistens muss der richtige Button innerhalb eines sehr knappen Zeitfensters gedrückt werden. In anderen Fällen gilt es aber auch, mit Waffen zu zielen. Das kann mit der optionalen Bewegungssteuerung des Controllers etwas kniffelig sein - es empfiehlt sich aber, dies im Tutorial zu üben, denn gerade diese Steuerungsmöglichkeit gibt dem Spiel noch mal eine gewisse individuelle Note.

Auch die bewussten Entscheidungen, ein weiteres Kern-Feature, können auf diese Art schneller eingegeben werden und fühlen sich dadurch natürlicher an. Denn hier gibt es ebenfalls oft Zeitdruck, wenn über mögliche Fluchtwege oder einfache Dialogoptionen entschieden werden muss. Passt dem Gegenüber das Gesagte nicht, kann das in manchen Fällen schwerwiegende Folgen haben. Praktischerweise kann im Status-Bildschirm jederzeit das Verhältnis zu den anderen Figuren überprüft werden. Auch die Entscheidungen und Vorkommnisse werden unter dem Motto "Schmetterlings-Effekt" akribisch aufgelistet und geben so interessante Ausblicke auf die möglichen Konsequenzen.

Gleiches gilt für mysteriöse Indianer-Totems, die vielerorts herumliegen und Warnungen oder Hinweise auf Entscheidungsmöglichkeiten bieten. Die eingespielten Videoschnippsel sind jedoch kurz und kryptisch, also heißt es gut aufpassen. Gleichzeitig bieten die Totems die Möglichkeit, ein Video zu komplettieren, das gewisse Vorkommnisse in der ferneren Vergangenheit offenbart. Denn die Story von Until Dawn bietet eine Menge Einflüsse bekannter und weniger bekannter Horrorfilme - ebenso wie Anleihen an Spieleklassiker wie Silent Hill oder Resident Evil. Auf den ersten Blick mag einiges dabei aus dem Rahmen fallen, doch wer fleißig alle Hinweise sammelt, dem offenbart sich mit der Zeit eine wirklich meisterhaft gestrickte Story.

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Das erneute Spielen nach einem sieben- bis neunstündigen Durchgang ist anstrengend, denn die selbstlaufenden Sequenzen lassen sich nicht überspringen oder vorspulen.

Überhaupt sind es die Geschichte und die gut gemachten, genretypischen Figuren vom Nerd bis zur Zicke, die dem Spiel in Verbindung mit der superdichten Atmosphäre seine Sogwirkung verleihen. Genau wie bei einer packenden Serie will man wissen, wie es weiter geht. Je nach persönlichem Suchtverhalten wird der Controller bis zum Ende nicht aus der Hand gelegt. Ein Durchgang dauert dabei sieben bis neun Stunden. Vor allem in der zweiten Hälfte wächst die Bedeutung vorhergegangener oder einzelner Entscheidungen. Je nachdem, wer dann noch am Leben ist, entwickeln sich Szenen anders oder werden ganz weggelassen - die Spieldauer ist dadurch variabel. Netterweise kann man nach dem Abspann die Episoden des Spiels, die jeweils mit einer Zusammenfassung begonnen werden, einzeln anwählen. So lässt sich die Sammlung von Hinweisen komplettieren, allerdings gilt jeweils der Status vom Beginn der Episode. Übergreifende Handlungsstränge ändern sich also nicht mehr, trotzdem lassen sich Konsequenzen erahnen und bei einem frischen Neudurchgang mit einplanen.

Das erneute Spielen ist allerdings anstrengend, denn die selbstlaufenden Sequenzen lassen sich nicht überspringen oder vorspulen. Bei Szenen, die man schon kennt, wirkt das ermüdend, obwohl man den Figuren sehr gerne zusieht. Natürlich sieht man noch, dass es "nur" digitale Abbilder bekannter Schauspieler wie Peter Stormare oder Hayden Pannetiere sind, doch in vielen Fällen vergisst man es einfach oder die Illusion wird durch Beleuchtungseffekte perfektioniert. Der "Uncanny Valley"-Effekt, der Kunstfiguren irgendwie unmenschlich wirken lässt, ist hier wirklich kaum wahrnehmbar - auch wenn das sicherlich von jedem Spieler anders wahrgenommen wird. Gleiches gilt für das gesamte Genre. Wer mit (Teenie-)-Horrorfilmen generell nichts anfangen kann, wird sicherlich auch mit Until Dawn nicht warm werden.

Und damit sind wir wieder beim Thema interaktiver Film. Filme objektiv zu bewerten ist kaum möglich, da hier technische Aspekte deutlich weniger eine Rolle spielen, als bei einem Videospiel. Es geht viel mehr um persönliche Präferenzen, die man oft selbst nicht beeinflussen kann - genausowenig, wie welches Essen man mag. Technische Aspekte lassen sich dagegen sehr einfach objektiv bewerten, je nach dem, wie gut sie funktionieren.

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Sound und Musik sind ebenfalls genial, und die Schauspieler sind vor allem im Original einfach klasse. Die deutsche Synchro kann nicht ganz mithalten.

Nun entzieht sich Until Dawn auch hier den meisten klassischen Parametern aufgrund des eher minimalistischen Spielprinzips. Klar, die Grafik ist bombastisch, lediglich Haare und Fell sowie vereinzelt aufpoppende Texturen trüben hier und da den fast perfekten Gesamteindruck. Sound und Musik sind ebenfalls genial, und die Schauspieler sind vor allem im Original einfach klasse. Die deutsche Synchro kann nicht ganz mithalten, ist aber durchaus gewissenhaft gemacht und etwa auf dem Niveau eines nicht ganz so hoch budgetierten Teenie-Horrorfilms. Extrem vorbildlich ist so oder so die auf Knopfdruck umschaltbare, englische Originalsprache - auf Wunsch mit deutschen Untertiteln. Als nette Gimmicks taugen die Bewegungssteuerung und die Option, mit der selten genutzten Playstation-Kamera an besonders schockierenden Momenten Videos der Spieler aufzuzeichnen. Absolut Blu-ray-tauglich ist auch die Fülle an gut gemachtem, freischaltbarem Bonusmaterial, das viel über den interessanten Entwicklungsprozess des Spiels verrät.

So steht auf der Negativseite, abgesehen von persönlichen Präferenzen, eigentlich nur die Schwachstelle, die die meisten interaktiven Filme bisher zu Fall gebracht hat: die Freiheit der Entscheidungen. Denn alle Film-Experimente sind vor allem daran gescheitert, dass man selbst bei kleinen Abweichungen die Szenen neu drehen muss und so schnell bei einer Masse von Material landet, die sich nicht mehr bewältigen lässt. Da haben es Spiele durch ihre Echtzeit-Berechnung der Grafik leichter. Titel wie Heavy Rain oder die Telltale-Adventures haben gezeigt, was da möglich ist. Technisch bietet Until Dawn hier eine ganze Menge mehr, doch inhaltlich hat man beim Spielen trotzdem das Gefühl, sich in einem relativ starren Rahmen zu bewegen. Natürlich ist das in gewissem Maße nötig, damit man überhaupt eine stringente Story erzählen kann. Die Frage muss aber erlaubt sein, ob die Geschichte überhaupt so überkonstruiert sein muss wie bei Until Dawn oder eine eher zusammenhanglose Handlung zum Wohle von mehr Freiheiten möglich und besser gewesen wäre.

Genau das ist der spannende Punkt, denn man kann Until Dawn auf jeden Fall bescheinigen, eine eigene Unterhaltungsform mit zu definieren, von der ich in Zukunft auf jeden Fall mehr sehen möchte - denn dann kann man sich einfach aussuchen, was dem eigenen Geschmack am nächsten kommt. Wobei man die Leistung von Supermassive Games auf keinen Fall schmälern darf, gerade beim Herumprobieren nach dem Durchspielen zeigt sich, dass es doch mehr drastische Änderungen gibt, als ich zunächst dachte. Denn was sich als Story stringent und flüssig anfühlt, ist wirklich auf den Spieler und seine Entscheidungen angepasst und damit - tadaaaa - ein interaktiver Film!

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08 Gamereactor Deutschland
8 / 10
+
Bild, Ton, Atmosphäre, Handlung und Schauspieler auf Hollywood-Niveau, viele nette Anspielungen und Ideen, überraschende Konsequenzen
-
Noch mehr Handlungsfreiheit wäre schön, genretypische Logikfehler, Zwischensequenzen lassen sich nicht abbrechen
overall score
ist die Durchschnittswertung von Gamereactor. Wie hoch ist eure Wertung? Die Durchschnittwertung aller Gamereactor-Redaktionen wird aus den Wertungen in allen Ländern erhoben, in denen es lokalen Gamereactor-Redaktionen gibt

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