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Watch Dogs

Watch Dogs

Ein halbes Jahr mehr hat Ubisoft Montreal fürs Feintuning von Watch Dogs bekommen. Wir haben das fertige Spiel angespielt und geschaut, was die Extrazeit gebracht hat.

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Jonathan Morin steht auf der Bühne eines Pariser Clubs und grinst feist. "So soll Watch Dogs sein, wir sind jetzt happy damit." Knapp ein halbes Jahr Extrazeit haben sie bekommen, um an diesen Punkt zu gelangen. Und jetzt lassen sie uns spielen, ein letztes Mal vor der Veröffentlichung am 27. Mai. Um es gleich vom Tisch zu haben: Watch Dogs sieht zu großen Teilen toll aus auf der PS4, etwas besser auf dem PC und die Xbox One-Version haben sie nicht gezeigt. Ohne Begründung. Man sieht aber auch den Unterschied zu den epischen Gameplay-Trailern, mit denen sich Ubisoft rückblickend keinen Gefallen getan hat. Aber: An der Grafik wird dieses Spiel nicht scheitern. Überhaupt sieht es eher so aus, als ob der große Plan, ein neuartig verknüpftes und eigenständiges Spielerlebnis zu erschaffen, am Ende doch aufgeht.

Es geht ganz vorne los. Mit einem langen, überzeugend gestalteten Intro. Der Protagonist ist Aiden Pearce, 38, und er soll getötet werden. Irgendwem hat er zu viel gehackt in den falschen Netzen. In der Kabine des Baseballstadions ist das nun elf Monate später bedeutungslos. Gestorben ist jemand anderes, herausgerissen aus dem Herzen von Aiden. Und dafür muss Maurice Vega nun büßen. Er ist der erste Schlüssel zum Geheimnis hinter dem Mörder, der am 26. Oktober 2012 den Schuss in den Vorderreifen von Aidens Auto befahl.

Aiden richtet den Mann mit einem wütenden Schlag zu Boden. Und packt danach mit seinem Smartphone jenen Gegenstand aus, der das Zentrum der Spielerfahrung von Watch Dogs ist. Über das Smartphone wird vieles gesteuert, aktiv im Spiel und vorbereitend für Missionen, Herausforderungen, Gimmicks und den gesamten Multiplayer. Ein wunderschön nachgebautes Chicago wartet da draußen auf uns, mit all seinen Rätseln und Möglichkeiten. Die Stadt wird vom zentralen Betriebssystem CTOS gesteuert, einem allumfassenden Netzwerk. Wer Zugang hat, kann vieles kontrollieren. Aiden hat freien Eintritt, man immer er will.

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Die Cops sind biestig und bleiben hartnäckig dran, wenn sie einen auf den Kieker nehmen.

Im Baseballstadion lernen wir, wie das geht. Es ist ein feines, beiläufiges Tutorial, das nahtlos in die erste Mission übergeht. Per Knopfdruck hinein in die Überwachungskamera, dann von der in die nächste und in die nächste, um einen Türmechanismus zu entriegeln. Schnell ist klar, dass man vieles über die Menschen erfährt, weil Aiden ihre Onlineprofile lesen kann. Und gleich danach hacken, um am nächsten Bankautomaten ein paar Dollars einzukassieren. Aber jetzt sind andere Dinge wichtig. Unser "Partner" Jordi Chin hatte eine feine Idee. Zur Tarnung der kleinen Verhöraktion in der Kabine, in deren Zuge leider ein paar Gangmitglieder starben, hat er die Polizei gerufen. Natürlich während er und Aiden noch im Stadion sind.

Langsam schleicht Aiden an diversen Sicherheitsbeamten vorbei, bis er an einer Tür hängen bleibt. Draußen läuft das achte Inning, dann klingelt das Telefon. badboy17 ist dran. Erklärt uns mit verzerrter Vocoderstimme, dass nur ein kompletter Stromausfall im Stadion hilft, den sicheren Weg nach draußen zu garantieren. Wer er ist? Keine Ahnung. Zum Glück aber ist die Tür kein Problem dank des Smartphones. Binnen Sekunden gehen komplett die Lichter aus. Kurze Zeit später stößt Aiden die Tür in die neue Freiheit auf. Die gleißende Abendsonne empfängt uns, dazu ziemlich viele Polizeisirenen, die schnell lauter werden.

Flucht also. Dafür gibt es viele Möglichkeiten. Die beste ist ein Auto, dass man sich einfach schnappt. Tür auf und ab dafür. Bloß nicht verzetteln, schnell ein Blick auf die Karte und ein Wegpunkt zum Ziel gesetzt, unserem Motel-Versteck. Man könnte auch einfach loslegen und die Spielwelt erkunden. Ganz frei. Aber ein erster Weg ins Motel scheint sinnvoll. Das Abhauen ist kein Problem. Allerdings sollte man sich nicht auf Spielchen mit der Polizei einlassen. Die Cops sind biestig und bleiben hartnäckig dran, wenn sie einen auf den Kieker nehmen.

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Die Story liefert einen schwermütigen, erwachsenen Plot. Mit reichlich Potenzial. Aber gerade jenseits der Story gibt's reichlich kindischen Quatsch zu finden, so wie das Minispiel Spider-Tank.

Aber Chicago ist groß und bietet viele Verstecke. Im Motel klebt an der Wand das große Verschwörungslayout von Aiden. Es ist der Rahmen des Spiels. Die Suche nach dem Mörder. Der Wille, die Dinge ins Reine zu bringen. Beziehungsweise was immer auch Aiden dafür hält. Seine Schwester Nicky und sein Neffe Jackson werden eine gewichtige Rolle spielen. Es ist ein schwermütiger, erwachsener Plot. Mit reichlich Potenzial. Ich habe nur eine der Erinnerungen gesehen, die Aiden in Chicago entschlüsseln kann. Sie war traurig genug...

Nach der ersten Nacht im Motel wacht der erfrischte Aiden auf. Es wartet eine Stadt voller Ablenkung. Niemand und nix kann sich verstecken. Und die Möglichkeiten, die sich auftun, sind wirklich überwältigend. Der Fortschritt im Spiel wird durch ein Kreismenü mit 30 Auswahlpunkten symbolisiert. Man will fast lachen, aber es ist ernst gemeint.

30 Punkte, die alle für Missionen und Nebenaufgaben stehen. Für Onlineherausforderungen. Für Sammelbares und verstreute Erinnerungen. Für Trinkspiele und digitale Trips. Für Poker, Schach und Autodiebstahl. Für Herumschnüffeln in der Privatsphäre anderer. Für Gerechtigkeit und Irrsinn. Es ist zuerst zu viel, aber man beginnt schnell, sich zu sortieren. Bis man auf dem Smartphone eine Hot-Spot-App entdeckt, um sich an bestimmten Orten einzuchecken. Man kann sich Autos bestellen, die man vorher gefahren haben muss, um sie käuflich zu machen. Und natürlich könnte man auch der Story folgen.

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Es gibt unter anderem einen Onlinemodus als Auto- bzw. Motorradrennen für bis zu acht Spieler.

Vor allem der Online-Modus könnte einen davon abhalten. Immer wieder klingelt das Telefon und fragt nach, ob man eine Herausforderung annehmen will. Man kann das Feature ausstellen, aber will man das? Der Onlinemodus ist quasi nahtlos integriert. Willigt man ein, dürfen interessierte Spieler unser Spiel kapern, um Katz und Maus zu spielen. Vorerst unerkannt entern sie das Spiel, um uns zu scannen und danach zu hacken. Geht der Alarm an, bleibt einem nicht viel Zeit, den Hacker zu enttarnen. Umgekehrt muss man höllisch aufpassen, sich gut zu verstecken oder perfekt in der Menge der NPC zu tarnen. Es klingt ein bisschen simpel, entfaltet aber schnell seine Suchtwirkung. Wer einmal im richtigen Auto mitten auf der Kreuzung zur Tarnung gepennt hat, während der Angegriffene immer hektischer die Gegend absucht, versteht sofort, warum das unfassbar lustig ist.

Andere Onlinemodi sind Auto- bzw. Motorradrennen für bis zu acht Spieler, ein tolles Entschlüsselungsspielchen oder einfach ein Free-Roam-Modus, in dem man alles so machen kann. Man findet Mitspieler, indem man im Handy die Suche aktiviert. Und wird dann zufällig zugeordnet. Und dann sind da noch die digitalen Trips, teures Zeug für kurzen Spaß, aber mit Onlinerangliste. In Madness müssen wir Zombie-Cops über den Haufen fahren, einfach so. In Spider-Tank dürfen wir im Cockpit eines riesigen Metalspinnen-Mech durch Chicago marodieren. Natürlich können wir die Spinne auflevlen. Natürlich winkt eine Belohnung, die Aiden im "normalen" Spiel stärker macht.

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Während Aiden fast immer top animiert und gezeichnet ist, egal ob in Sequenzen oder im Spiel selbst, sind andere Charaktere nicht immer so hübsch.

Zur Stärkung von Aiden dient ein Fähigkeitenbaum mit seinen vielen Verästelungen. Hacking und Kämpfen sind die beiden größten Bereiche, danach Fahrkünste und Itembau. Durch das Erlernen von neuen Hacking-Fähigkeiten können wir aus dem fahrenden Auto heraus Brücken bewegen, Helikopter ausschalten, Gasleitungen sprengen oder Nagelsperren auslösen. Wir können die Kommunikation stören, die U-Bahn anhalten, bessere Profiledaten saugen oder mehr Ausbeute am Geldautomaten freischalten. Im Kampf warten ruhigeres Zielen, mehr Focus für die Superzeitlupe beim Ballern, längere Sprints. Hier fühlt sich Watch Dogs wie ein umfassendes Rollenspiel an, weniger wie ein Action-Adventure in einer offenen Spielwelt.

Ein bisschen verwundert hat mich die schwankende Qualität der Zwischensequenzen. Während Aiden fast immer top animiert und gezeichnet ist, egal ob in Sequenzen oder im Spiel selbst, ist bereits seine Schwester Nicky keine Schönheit mehr. Ihre Haare sind wenig detailliert, Zähne und Mundpartie sehen komisch aus. Dafür ist der Afro-Gangster, der uns in der Hauptmission begegnet, die nach einem Speicherstandwechsel etwa nach dem ersten Spieldrittel wartet, wieder absolut überzeugend inszeniert.

Jede Aktion hat übrigens Auswirkungen auf unsere Reputation in der Stadt und darauf, wie Menschen reagieren. Man kann Passanten erschießen, aber es ruft sofort jemand die Polizei. Den kann man natürlich auch versuchen noch auszuschalten, was aber nur mehr Ärger nach sich zieht. Und die Cops nerven echt in diesem Spiel. Alles hängt mit allem zusammen in Watch Dogs - und das ist nicht so daher gesagt. Man schaltet durch das Spielen Waffen und Fähigkeiten frei, dass gilt für alle Nebenmissionen und Hauptmissionen ebenso wie für Minispiele und Multiplayer. So erweitert sich das Spiel quasi nebenbei selbst. Gut gemacht. Wie gesagt. Echt überwältigend manchmal.

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Man wird viele Tage in Chicago verbringen können, ohne gelangweilt zu sein.

Die Mission rund um den Afro-Gangster ist schon ziemlich hart. Wir müssen einen Angriff einer gegenerischen Gang überleben und haben knapp eine Minute, um etwas zu planen. Mit den Möglichkeiten ist man fast etwas überfordert. Ich platziere ein paar IED-Fernzündbomben an den richtigen Stellen, die sich dann über die Kameras aktivieren lassen. Man kann immer wieder Situationen lösen, indem man völlig versteckt agiert. Schon sehr hübsch gemacht. Und wenn was schief geht, probiert man es eben nahtlos mit der Brechstange. Kann auch klappen, ist aber ungleich komplizierter. Draufgänger haben jedenfalls ein hartes Leben in Watch Dogs, Nachdenker sind klar im Vorteil.

Der Multiplayer ist übrigens nicht auf die Konsolen und PC beschränkt. Es gibt eine Free-to-Play-App für Android- und iOS-Tablets. Über die lässt sich ein Spiel gegen Besitzer der Vollversion riskieren, wenn diese die Herausforderung annehmen. Aus der Vogelperspektive dürfen die Mobilspieler dann Helikopter, Gasleitungen oder Brücken nutzen, um die Spieler im regulären Multiplayer zu "stören". Bis zu fünf Polizeieinheiten können platziert werden. Freunde sieht man live, wenn man via Uplay, PSN oder Xbox Live befreundet ist. Dazu braucht man übrigens keinen Bezahlaccount. Man kann am Tablet sogar eigene Herausforderungen für Freunde bauen, neue Einheiten freischalten oder bessere Waffen. Es ist tatsächlich ein kleines, eigenes Universum neben dem großen Spiel.

Die vier Stunden mit Watch Dogs waren viel zu kurz, um das Spiel komplett zu erfassen. Es ist wirklich überwältigend in den Möglichkeiten, die es uns bietet. Man wird viele Tage in Chicago verbringen können, ohne gelangweilt zu sein. Dazu der wirklich famose und nahtlos integrierte Multiplayer, für den man sein Solo-Abenteuer gefühlt eigentlich nicht verlässt. Die Grafik mag nicht so ultra-pompös sein, wie es Ubisoft gerne gesehen hätte. Aber das Spiel selbst scheint es dafür zu sein. Und das ist doch viel wichtiger.

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KRITIK. Von Christian Gaca

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