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Winds & Leaves

Winds & Leaves (PSVR)

Als einsamer Pflanzenflüsterer verwandeln wir in der virtuellen Realität verstaubte Einöden zu prächtigen Mischwäldern.

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Ein paar Probleme setzen dem Game auf der Playstation 4 arg zu, doch die beinahe meditative Erfahrung lohnt sich trotzdem.

Das kanadische Studio Trebuchet schickt uns nach ihrem Erstlingswerk Prison Boss VR wieder in virtuelle Welten - diesmal erwartet uns jedoch eine ganz andere, sehr sphärische Erfahrung. Winds & Leaves ist ein Spiel, das sehr wenig erklärt und in dem kein einziges Wort gesprochen wird. Wir finden uns zu Beginn in einer fremdartigen Welt wieder, die anscheinend Opfer einer Naturkatastrophe wurde. Die Landschaft wirkt derart wüstenartig und tot, dass die Trockenheit auch unsere Existenz gleich wieder auszulöschen droht.

Das Einzige, was uns hilft, ist die Gegenwart wachsender Pflanzen, die einen lebensspendenden Effekt auf uns und die Umgebung zu haben scheinen. Nachdem wir unsere ersten Hilfsmittel eingesammelt und an einem merkwürdigen Gerüst aus Stelzen - mit denen wir uns fortbewegen - befestigt haben, kann es losgehen. Das Wenige, was wir von unserer eigenen Physiognomie sehen können - die Form unserer Hände, unser Schatten und die Höhlenmalereien, die uns quasi die einzige Hilfestellung im Spiel geben und die Story rudimentär erzählen -, lässt vermuten, dass wir ein außerirdisches, leicht vogelartiges Wesen verkörpern.

Unsere Stelzen bedienen wir, indem wir die Arme vor und zurückschwingen, was zum Anfang des Spiels unsere einzige Möglichkeit der Fortbewegung ist. Besitzer einer Fitnessuhr können frohlocken, denn diese Bewegungen sind ganz schön schweißtreibend und lassen sich tatsächlich als Schrittbewegungen auswerten. Was am Anfang ungewohnt ist, geht schnell in Fleisch und Blut über und passt irgendwie zum Spielgeschehen. Zudem senkt diese Art der Fortbewegung auch die Gefahr von Reiseübelkeit, die manchen Spielern vor allem bei ersten VR-Erfahrungen droht. Mit unseren Händen können wir uns zudem an Bäumen hochziehen und von einem Ast zum anderen hangeln, was erstaunlich gut funktioniert. So kommen wir an die Früchte der Bäume, die wir anschließend an vertrockneten Stellen wieder einpflanzen.

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Dann kommt unser spannendstes Werkzeug zum Einsatz: Ein magisches Windrad, welches die Zeit voranschreiten lässt. Mit einem gelungenen Zeitraffer-Effekt, der in Windeseile Tag und Nacht vorbeirasen und dabei die Pflanzen wachsen lässt, wird hier eine richtig interessante Erfahrung geschaffen. Nach dem Pflanzen der ersten Bäume und dem Sammeln praller Früchte wird schnell klar, dass Säen und Ernten in unseren menschlichen Genen irgendwie als lohnenswerte Beschäftigung einprogrammiert sein muss. Der Erfolg von Spielen wie Farmville oder Stardew Valley kommt sicher nicht von ungefähr, doch in Winds & Leaves können wir das Ganze als eine Art abstrakt-sphärische Meditation erleben. Die pastelligen Farben unserer Umgebung und die tolle, situationsabhängige Musik schaffen eine wirklich zauberhafte Stimmung.

Doch natürlich braucht ein Spiel auch Herausforderungen und deshalb werden wir schon bald vor Probleme gestellt. Ein von blau leuchtenden Adern durchzogener Baumstamm dient uns als eine Art Lebens-Akku, mit dem wir auch in tödlich-trocknen Umgebungen überleben können. So kämpfen wir uns immer wieder durch eine Art Meer aus Sandstürmen, um neue Ufer zu erreichen, und diese zu bepflanzen. Doch der Untergrund der verschiedenen Gebiete erlaubt es nur bestimmten Samen, zu gedeihen, und wir müssen immer die richtige Variante anpflanzen, um die Wüsten in prächtige Wälder zu verwandeln.

Dazu gibt es eine Art simples „Genetik-System": Jede Art von Baum hat drei Eigenschaften, die durch entsprechende Symbole gekennzeichnet werden. An bestimmten Stellen können wir durch geschickte Kombination Kreuzungen erschaffen, die dann wieder neue Gebiete erschließbar machen. Dazu gibt es weitere Regeln: Bäume dürfen nicht zu dicht aneinander stehen, brauchen aber Partner in der Nähe, um sich gegenseitig Schutz zu bieten. Bei Wetterphänomenen wie staubtrockenen Windhosen oder aggressiven Regengüssen müssen zudem besonders beständige Bäume in der Nähe von denen angepflanzt werden, die eigentlich besser zum Untergrund passen. Das ist wirklich interessant und erlaubt viele Kombinationen.

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Im Verlaufe unseres Vorankommens stoßen wir auf immer neue Gerätschaften, die mit wir dem Energiehaushalt unserer Pflanzen unter die Arme greifen. Darüber darf man aber eigentlich gar nicht zu viele Worte verlieren, denn sich alles selbst zu erschließen, macht zu einem guten Stück den Reiz des Spiels aus. Natürlich kann man sich denken, dass auch der namensgebende Wind später noch eine Rolle spielt und eine andere Art der Fortbewegung ins Spiel kommt. Dabei ist es wichtig, die bereits erwähnten Höhlenmalereien zu finden und diese gut zu studieren, um auf die jeweiligen Lösungen kommen, die hier und da schon etwas Puzzle-artiges haben und damit an klassische Adventure-Spiele erinnern.

Insgesamt erwartet uns also hier eine wirklich frische Erfahrung, die sich unverbraucht anfühlt und mit ihrer Kreativität und Stimmung an Indie-Perlen, wie Flower oder Journey, erinnert. Dennoch müssen wir einige Kritik anbringen: Die Bedienung mit den Move-Controllern, die zwangsläufig erforderlich sind, geht in Ordnung, doch ist sie aufgrund der inzwischen nicht mehr zeitgemäßen Technik öfter etwas hakelig als uns lieb ist. Und auch sonst ist Technik ein wichtiges Stichwort, denn trotz PS4-Pro-Patch wirkt die Grafik auf der „mittelstarken" Sony-Konsole der letzten Generation sehr grob und flimmert ordentlich. Auf der normalen PS4 sieht das Ganze noch schlimmer aus, und für die PS5 gibt es leider momentan noch keine Anpassung.

Am Schlimmsten sind jedoch die vielen Abstürze, die in unserer Testphase mit großer Regelmäßigkeit auftraten. Zum Glück wird der Fortschritt oft gespeichert, doch es wäre wirklich wünschenswert, dass so bald wie möglich noch ein Patch kommt, denn die Launch-Version 1.02 konnte dieses Problem noch nicht komplett eindämmen - zumindest auf unserer Konsole hatten wir weiter damit zu kämpfen. Unterm Strich muss man also sagen, dass das Spiel wohl erst auf der PSVR2 seine volle Wirkung entfalten können wird. Denn mit sauberer Grafik und ordentlichem Controller-Tracking könnte man bei diesem kreativen Spiel schon fast von einem Klassiker sprechen. Fans von Paper Beast sollten auf jeden Fall einen Blick auf dieses Game werfen!

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Mit einem magischen Windrad lassen wir die Zeit voranschreiten und Pflanzen aus dem Boden sprießen.
08 Gamereactor Deutschland
8 / 10
+
unverbrauchtes Spielgefühl, fesselnde und sphärische Stimmung, tolle Musik.
-
Unzulänglichkeiten des in die Jahre kommenden PS-Move-Systems, häufige Abstürze.
overall score
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